Risiko, Resilienz und Gefahr

Den IPCC Sonderbericht „1,5 °C GLOBALE ERWÄRMUNG“ verstehen, Teil 1: Von Gefahr und Gefährdung.

Habt ihr schon einmal einen Blick in einen der IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) Berichte geworfen? Ehrlich gesagt: ich hatte zwar immer mal wieder ein bisschen durchgescrollt, aber wirklich systematisch durchgearbeitet habe ich keines der Paper. Bis vor kurzem. Da fiel mir der Sonderbericht „1,5°C Globale Erwärmung“ in die Hände, bzw. dessen Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger.

Zusammenfassung klang nach kurz und schnell die wichtigsten Fakten. Und genau das ist es auch. Trotzdem- für den Laien, der nicht (wie politische Entscheidungsträger) eine ganze Horde Berater hinter sich sitzen hat – ist auch dieser Bericht nicht ganz ohne…

Damit ihr Euch die Arbeit der Recherche nicht auch noch machen müsst, kommt hier in der nächsten Zeit ein kleine Reihe zu Themen, die im Sonderbericht besprochen werden.

Ein Begriff, der sich durch alle Diskussionen zum Thema Klimawandel zieht, ist der des Risikos. Und so ist es auch nicht verwunderlich, das sich bereits der dritte Punkt des Berichtes diesem Thema widmet. So heißt es da:

Die klimabedingten Risiken für natürliche und menschliche Systeme sind bei einer globalen Erwärmung um 1,5°C höher als heute, aber geringer als bei 2 °C […]. Diese Risiken hängen von Ausmaß und Geschwindigkeit der Erwärmung, geografischer Lage, Entwicklungsstand und Vulnerabilität sowie der Wahl und Umsetzung von Anpassungs- und Minderungsmöglichkeiten ab […].

IPCC, Sonderbericht 1,5 °C GLOBALE ERWÄRMUNG. Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger. A.3

Sehr oft wird der Begriff „Risiko“ uneinheitlich genutzt, daneben auch vermischt mit „Gefahr“, „Verletztlichkeit“ und/ oder „Vulnerabilität“. Alle diese Begriffe sind wichtig, wenn es um eine Einschätzung von Naturgefahren (und auch Gefahren für die Natur) geht, aber so ganz gleichbedeutend sind sie halt doch nicht…

Versuch einer Definition

Gefahr und Risiko

Gefahr: Möglichkeit, dass jemandem etwas zustößt, dass ein Schaden eintritt; drohendes Unheil

Duden

Selbst im allwissenden Duden wird „Risiko“ als Synonym zur Gefahr verwendet. Auch anderswo wird Gefahr mit dem Begriff des Risikos definiert.

Gefahr ist ein Zustand oder Ereignis, bei dem ein nicht akzeptables Risiko vorliegt und somit die Wahrscheinlichkeit eines Schadenseintritts besteht. D. h., das Risiko einen Arbeitsunfall zu erleiden ist größer als das in den Arbeitsschutzvorschriften bestimmte Grenzrisiko.“

Quell: BFGA

Anhand eines Beispieles lassen sich Gefahr und Risiko aber ganz einfach abgrenzen.

Zwei Häuser stehen im Überflutungsbereich eines Flusses. Das eine ist ein Hotelkomplex, in dem sich gerade 200 Menschen aufhalten, das andere ist eine alte, baufällige Hütte mit 2 Bewohnern. Das Wasser steigt, eine Überflutung droht. Nun ist die Gefahr, dass das Hochwasser die jeweilige Behausung trifft, bei beiden Gebäuden die Gleiche. Nicht aber das Risiko: obwohl sich im Hotel mehr Menschen befinden und der finanzielle Schaden am Hotel höher ist, so ist das Risiko für die baufällige Hütte, welche keine fest gefügten Mauern hat, deutlich höher. Die Menschen in der Hütte sind also einem höheren Risiko ausgesetzt geschädigt zu werden als die Menschen im Hotel.

Interessant ist auch, wann man von Risiko spricht. Denn grundsätzlich „ist“ ein Hochwasser einfach – genauso wie jede Lawine, jeder Hitzesommer, etc. Erst der Mensch bewertet diese Ereignisse oder Naturgefahren als Gefahr und misst ihnen ein Risiko zu. Dieses Risiko entsteht dadurch, dass das von der Gefahr betroffene Gebiet vom Menschen genutzt wird. Ein Beispiel: Die Gefahr eines Hochwassers wird also erst dann zum Risiko, wenn natürliche Überflutungsflächen bebaut und vom Menschen genutzt werden.

„Ansonsten bleibt eine Naturgefahr eine latente Bedrohung und somit ein externer Faktor, während das Risiko auch einen potenziellen Schaden benötigt. Das Risiko ist also die Konkretisierung einer Gefahr in Abhängigkeit von ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit und den potenziellen Auswirkungen. Risiko kann beschrieben werden durch die genaue, quantitative Messung der Realisation der Gefahr und deren negativen Auswirkungen. Der Grad der negativen Auswirkung ist von der Empfindlichkeit des geschädigten Objektes gegenüber dieser Gefahr und von der Intensität des schadensverursachenden Prozesses abhängig.“

Quelle: Waldwissen.net

So weit, so gut. Die Gefahr ist also einfach da, das Risiko entsteht durch den Menschen, der sich der Gefahr aussetzt – und sich so verletzlich macht. Und damit wären wir beim dritten Begriff: der Vulnerabilität.

Vulnerabiliät

„Das Maß, zu dem ein System gegenüber nachteiligen Auswirkungen der Klimaänderung, einschließlich Klimavariabilität und Extremwerte, anfällig ist und nicht damit umgehen kann.“

Quelle: Umweltbundesamt

Dazu muss man sagen: der Begriff der Vulnerabilität kommt aus der Geographie und wird daher in einem viel weiteren Kontext als nur dem Klimawandel genutzt – hier aber dennoch die spezifische Klima-Definition.

Wie also ist die Vulnerabilität zu verstehen? Bleiben wir beim Hotel-Hütten-Beispiel. Wo denkt ihr, ist die Vulnerabilität höher? Hütte oder Hotel? Und jetzt wird es schwierig und kommt stark auf den Blickwinkel an.

Sieht man vor allem die gefährdeten Menschenleben, so ist sicherlich die Hütte verletzlicher. Ökonomisch gesehen aber hat der Hotelbesitzer mehr zu verlieren, also ist seine Vulnerabilität höher. Stark verknappt und etwas flapsig: wer nichts hat, hat außer seinem Leben auch nichts zu verlieren.

Hier greift dann noch der letzte wichtige Begriff auf: die Resilienz:

Resilienz

„In Zusammenhang mit dem Klimawandel wird der Begriff im Wesentlichen als Robustheit oder Widerstandskraft verstanden, die es ermöglicht, trotz äußerer Einflüsse zentrale Funktionen des Systems aufrechtzuerhalten.

Generell kann Resilienz als eine Art Puffer angesehen werden, der es Individuen oder Systemen ermöglicht, ein Ereignis bewältigen zu können, ohne alle Ressourcen verbrauchen zu müssen bzw. ausreichende Optionen zu besitzen, um nach dem Ereignis den Ausgangszustand wiederherzustellen.“

Quelle: Climate Service Center

Unser Hotelbesitzer ist wahrscheinlich gut versichert, er wird finanzielle Hilfe erfahren und kann damit eventuelle Schäden gut abfangen – seine Resilienz ist hoch. Anders die Bewohner der Hütte: ihre Resilienz, ohne Versicherung und ohne finanzielle Reserve, ist niedrig. Sie werden also wahrscheinlich ihren „(Wohn)Zustand“ ändern müssen.

Wichtig ist auch, dass nicht jeder Mensch, auch unabhängig von seinen Finanzen, gleich resilient ist. Kinder und alte Menschen sind stärker gefährdet. Frauen sind stärker gefährdet als Männer. Menschen im globalen Süden sind stärker gefährdet als Menschen im globalen Norden. Arme sind stärker gefährdet als Reiche. Menschen religiöser und politischer Minderheiten sind stärker gefährdet.

Die Gefahr, die Klimakrise, ist für die ganze Welt die gleiche. Das Risiko und auch die Vulnerabilität gegenüber der Klimakrise ist –ökonomisch – im globalen Norden höher, das Risiko für Leib und Leben ist im globalen Süden höher. Die Resilienz ist im globalen Norden deutlich höher: hier konzentriert sich das Kapital und damit die Möglichkeit, sich anzupassen. Oder, wie es der IPCC zusammenfasst:

„Die Exposition gegenüber vielfachen und zusammen wirkenden klimabezogenen Risiken nimmt von 1,5 °C auf 2 °C globale Erwärmung zu, wobei in Afrika und Asien größere Bevölkerungsanteile entsprechend exponiert und armutsgefährdet sind (hohes Vertrauen). Bei einer globalen Erwärmung von 1,5 °C bis 2 °C könnten sich die Risiken in den Sektoren Energie, Ernährung und Wasser räumlich und zeitlich überschneiden, wodurch bereits bestehende Gefährdungen, Expositionen und Verwundbarkeiten verschärft und neue entstehen würden, die eine zunehmende Zahl an Menschen und Regionen betreffen könnten.“

IPCC, Sonderbericht 1,5 °C GLOBALE ERWÄRMUNG. Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger. B5.6

http://www.staedtestatistik.de/fileadmin/vdst/Muenchen2010/Vortraege/M0612_VDSt_Vollmer_.pdf

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