Der Hype um elektrische Zweiräder – Teil 2: E-Motorräder

In Teil 1 dieses Eintrages wurden ja bereits die allgemeinen Eckpunkte der zweirädrigen E-Mobilität abgesteckt. Daher steigen wir am besten gleich voll in’s Thema E-Motorräder ein.

Warum sollte man sich überhaupt ein E-Motorrad anstelle eines Verbrenners zulegen? Neben dem Umweltschutz-Gedanken (den man aufgrund der Akkus relativieren muss) sind die Erhaltungs-und Fahrtkosten deutlich geringer. Die Vorteile liegen für den Stadtverkehr mit Emissionsfreiheit und deutlich geringerer Lärmbelästigung auf der Hand. Wenn es um den Sound geht, ist man mit einem elektrischen Bike sicher schlecht beraten! Auch eine derzeit noch geringe Reichweite, v.a. bei höheren Geschwindigkeiten, sind ein Problem. Jedoch sind die Reichweiten von Benzinern oftmals auch nicht gerade sensationell.
Aufgrund des Akkus sind die Maschinen teils recht schwer.

E-Motorrad Modelle

Im Gegensatz zu den E-Rollern haben E-Motorräder (ähnlich wie die Verbrenner) ein etwas anderes Zielpublikum. Sie sind deutlich leistungsstärker und sportlicher, dafür aber auch um ein vielfaches teurer und auch schwerer. Die Gewichtung vom schnellen Von-A-nach-B-Kommen im städtischen Raum, bzw. auf Kurzstrecken verschiebt sich eher zugunsten des Spaßfaktors und des Freizeitbikes. Wie man gleich sehen wird, sind E-Motorräder in Sachen Reichweite nur teilweise den E-Rollern überlegen (auch je nachdem, ob E-Roller mit Zusatzakkus ausgestattet werden).

Die bisher mangelnde Reichweite ist ein Aspekt des nur in Spuren vorhandenen Marktanteils von E-Motorrädern. [1] Hier kommt zum Tragen, dass Motorräder eben auch gerne mal für längere Strecken genutzt werden und es den Fahrern um Freiheit und Individualität geht. Dies dürfte viele Biker abschrecken, zumal elektrische Lösungen nun einmal einen deutlich dezenteren Sound haben. Hier steht man vor dem Henne-Ei-Problem. Denn, wie man in den folgenden Absätzen sehen wird, auch wenn man ein E-Motorrad kaufen möchte: es gibt bis jetzt erst eine Handvoll Hersteller und diese liefern teilweise erst ab 2020 oder später aus. Von hohen Preisen und kaum vorhandenem Gebrauchtmarkt ganz zu schweigen. Der KTM-Chef Stefan Pierer sieht E-Motorräder (im Gegensatz zu E-Rollern in der Stadt) generell recht negativ, da er E-Fahrzeuge als reine Nutzfahrzeuge für Kurzstrecken sieht. Stromtrassen und Stromspeicher haben seiner Meinung nach eine zu hohe Verlustleistung. Ein weiterer Punkt für ihn ist, dass E-Motorräder nicht mehr mit weniger gefährlichen und leistungsintensiven Niedrigvoltkonzepten betrieben werden können. [2]
Doch nun werden wir einmal einen Blick auf den derzeitigen Markt. Tabelle 1 zeigt die Produktpalette des Herstellers Zero. [3]

Tabelle 1 – E-Motorräder im Vergleich Teil 1 – Quelle: [3]

Abbildung 1 zeigt die Zero DSR Black Forest. Diese wurde speziell für Touren und auch etwas unwegsameres Gelände konzipiert.

Abbildung 1 – Die Zero DSR Black Forest – Quelle: www.zeromotorcycles.com

Tabelle 2 zeigt weitere fünf Hersteller mit einigen, sehr unterschiedlichen Modellen.

Tabelle 2 – E-Motorräder im Vergleich Teil 2 – Quelle: [4][5][6][7][8]

Die folgenden fünf Abbildungen zeigen je ein Modell der Hersteller aus Tabelle 2.

Abbildung 2a – Die Energica EVA – Quelle: www.energicamotor.com
Abbildung 2b – Die Curtis Hades – Quelle: www.curtissmotorcycles.com
Abbildung 2c– Die Nito N4 – Quelle: www.autogazette.de
Abbildung 2d – Die Brutus V9 – Quelle: www.brutusmotorcycle.com
Abbildung 2e – Die Lightning LS-218 – Quelle: www.lightningmotorcycle.com

Des Weiteren gibt es (siehe nächster Absatz) zahlreiche Hersteller, welche kurz vor der Veröffentlichung ihres ersten Modelles sind. Der Markt für elektrische Fahrzeuge ist derzeit sehr dynamisch. In den nächsten Monaten und Jahren wird sich bestimmt auch weiterhin sehr viel auf diesem Segment tun. Ursprünglich sollte auch noch das Prestigeprojekt von Harley Davidson mit hinein. Jedoch wurde in dieser Woche die Produktion der „LiveWire“ gestoppt und die Auslieferung auf unbestimmte Zeit verschoben. [9]

Genaue Betrachtung des Angebots

Auch wenn das Angebot an Herstellern noch recht überschaubar ist gibt es schon einige interessante Produkte und Konzepte. Energica und Nito sind italienische Hersteller, die übrigen kommen aus den USA. So wird Italien, als einziges europäisches Land in dieser Liste vertreten, dem Ruf als Zweiradland gerecht. Man fragt sich, warum Auto-Nationen wie Deutschland oder Frankreich hier noch keinen Beitrag geleistet haben. Bei den E-Rollern gibt es ja aus Deutschland bereits einige Hersteller. Zumindest in Schweden werkelt man derzeit an der „Regent No.1“. [10] In den Niederlanden ist die NXT Rage in Planung, dieses Projekt wirkt jedoch noch recht vage. [11]
Auch asiatische Produkte sucht man eher vergebens. Honda möchte zwar wie KTM ein Motocross-Bike herausbringen. [12] Für den Straßenverkehr sehe ich hier allerdings nur begrenzt einen Mehrwert und gehe daher nicht näher darauf ein.

Den schwachen asiatischen Markt könnte man eventuell mit einer Verlagerung der asiatischen Motorentechnik auf die Brennstoffzelle erklären, die wohl eher aufgrund der Größe und Komplexität mindestens die Dimension Pkw benötigt.
Die beiden italienischen Hersteller Energica und Nito sowie Zero scheinen bereits eine bodenständige Linie gefunden zu haben. Damit sprechen sie, meiner Meinung nach, sowohl (dem E-Motor aufgeschlossene) „alte Biker“ als auch potenzielle neue Kunden an. Letztere dürften damit ihr ökologisches Gewissen im Zaum halten können und auch an den geringeren Erhaltungs- und Betriebskosten Gefallen finden.
Hersteller wie Brutus und Curtis wenden sich relativ deutlich an die Künstler, Kenner und Ästhetiker der Szene. Ihre Fahrzeuge sind für den Alltagsgebrauch eher zu schade bzw. kaum geeignet.
Lightning richtet sich derzeit nur auf den US-amerikanischen Markt aus. Für Europa bedeutet dies, dass es noch keine passende Möglichkeit zum Laden des Akkus gibt. Übrigens ist die Lightning LS-218 derzeit das schnellstes Motorrad der Welt mit Straßenzulassung. [13]
Teilweise war es sehr schwer bis nicht möglich technische Daten für die Fahrzeuge zu erhalten. Und dies gilt nicht nur für die Konzept-Fahrzeuge. Zu beachten ist, dass deswegen in Tabelle 2 auch im Vergleich zu Tabelle 1 einige Zeilen fehlen.

Die Kosten

Die Anschaffungskosten gehen hier sehr schnell empfindlich ins Geld. Gebrauchte Alternativen gibt es wenige. Falls man das Fahrzeug nicht für den Alltag benötigt, muss man es sich gut überlegen, ob es einem das wert ist – aber diese Entscheidung muss man sich ohnehin bei jedem Motorrad stellen, egal ob elektrisch oder Verbrenner.
Bei den Erhaltungs- und Fahrtkosten schaut es ähnlich günstig aus wie bei den E-Rollern.

Vor- und Nachteile der einzelnen Modelle

Da die vorgestellten Modelle und Marken sehr heterogen in Optik, Leistung, Preis und Zielpublikum sind, ist es sehr schwer diese vernünftig miteinander zu vergleichen. Wer keinen A-Führerschein besitzt, und diesen auch nicht unbedingt machen möchte, sollte sich die Zero DS 11KW, Zero S 11KW oder Zero FXS ZF7.2 11KW etwas genauer anschauen. Diese ist in D-A-CH unter gewissen Auflagen (siehe Teil 1) mit einem B-Führerschein erlaubt. Auch die Nito N4 fällt möglicherweise in diese Klasse. Hier muss erst der Release abgewartet werden. Für einigermaßen moderate Preise bekommt man bei Zero und Energica sehr brauchbare Modelle, die auch individuell konfiguriert werden können. Zusatzakkus bietet derzeit lediglich Zero an. Energica ist etwas teurer als Zero, dafür setzt man hier ganz klar auf mehr Leistung und eine höhere Spitzengeschwindigkeit. Somit wäre Zero eher alltagstauglich oder etwas für Touren und Energica eher etwas für die „sportlichen“ Fahrer.
Wer dem Geschwindigkeitsrausch unterliegen möchte sollte sich vielleicht die Lightning LS-218 etwas genauer anschauen! 😉
Die Modelle von Curtis, Nito und Brutus würde ich etwas außer Konkurrenz betrachten, da hier Preis und Alltagstauglichkeit bzw. mangelnde Datenverfügbarkeit und Produktionsfortschritt keinen sinnvollen Vergleich zulassen.

Vergleich E-Roller vs. E-Motorrad

Eigentlich sollte die Trennung zwischen Roller und Motorrad ganz klar und einfach sein. Sowohl Preis, Leistung, Spitzengeschwindigkeit und Nutzungszweck sprechen entweder für das Eine oder das Andere. Mit den 11 Kw Maschinen verschwimmt diese klare Grenze ein wenig. Diese sind zum einen erschwinglich, man kommt flott voran und man benötigt keinen eigenen A-Schein. Im Vergleich zur den 125ccm/11Kw Verbrennern ist bei den elektrischen Modellen eine recht hohe Spitzengeschwindigkeit drin.
Grundsätzlich wäre festzuhalten, dass das Motorrad für außerstädtische Fahrten klar durch die höhere Maximalgeschwindigkeit im Vorteil gegenüber dem Roller ist.
Für Berufspendler mit einer schlechten öffentlichen Anbindung und einer Tagesdistanz bis zu 150km sowie hohem Autobahn-/ Überland-Anteil der Fahrstrecke kann ein E-Motorrad eine günstige (abgesehen vom Anschaffungspreis) und einigermaßen umweltverträgliche Alternative zum Auto sein.
Wer sich tendenziell im städtischen Raum bewegt und sicher keine Langstrecken auf der Autobahn fahren wird kann sich mit einem kleinerem und wendigerem E-Roller sehr viel Geld sparen. Mit den vielen Optionen zur Reichweitenverlängerung haben die meisten E-Roller in Sachen Reichweite keinen Nachteil.
Vermutlich sollte man für die Präferenz Roller oder Motorrad die „religiöse Komponente“ nicht unterschätzen. In etwa wie: Die Drei ??? vs. TKKG oder Intel vs. AMD 😉

[1] https://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article192228237/Elektromotorraeder-Diese-Bikes-haben-schon-einen-E-Motor.html
[2] https://www.zeit.de/mobilitaet/2018-10/elektrische-motorraeder-elektromobilitaet-hype-verdienst-matorradbauer-ktm
[3] https://www.zeromotorcycles.com/de/
[4] https://www.energicamotor.com/de/
[5] https://www.curtissmotorcycles.com/
[6] https://www.nitobikes.it/de/
[7] http://brutusmotorcycle.com/brutusV9.html
[8] https://lightningmotorcycle.com/product/specifications/
[9] https://www.focus.de/auto/motorrad/probleme-mit-ladegeraet-harley-davidson-stoppt-produktion-und-auslieferung-des-ersten-elektromotorrads_id_11237103.html
[10] https://www.motorradonline.de/elektro/regent-no-1-elektromotorrad/
[11] https://www.heise.de/autos/artikel/NXT-Rage-Elektromotorrad-4319259.html?seite=2
[12] https://www.autobild.de/bilder/elektrische-motorraeder-so-cool-sind-e-bikes-5175993.html#bild24
[13] https://de.wikipedia.org/wiki/Lightning_LS-218

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