Auf Promi-Jagd in der Schweiz

Ausgangsbedingungen

Der Titel lässt es vielleicht nicht ahnen, doch auch in diesem Beitrag geht es um Bergtouren. Eine Woche war ich im Juli mit bekannten Gesichtern vom Montasch (Niki, Hannes und Johannes) unterwegs. Gesellschaft bekamen wir dann auch noch von Pia und Stephen.
Doch was hat es jetzt mit den Promis auf sich? Jeder Berg kann anhand von zwei Kennwerten in seiner Eigenständigkeit, und damit auch seiner Bedeutsamkeit beschrieben, werden. Zum einen ist dies die Dominanz, die die horizontale Distanz zum nächsthöher gelegenen Geländepunkt beschreibt. Zum anderen ist dies die Prominenz (auch Schartenhöhe genannt), welche die vertikale Distanz zur höchstgelegenen Einschartung, bis zu der man mindestens absteigen muss, um einen höheren Gipfel zu erreichen. [1] Folgende Abbildung veranschaulicht diese beiden Werte sehr gut*:

Abbildung 1 – Veranschalichung von Dominanz und Prominenz – Quelle: https://de.wikipedia.org

Unser lieber Niki hat nun das gleichsam schräge wie geniale Hobby ausschließlich Berge zu besteigen, welche eine Prominenz von mehr als 1.000 Höhenmetern haben. Mit seinem eisernen Willen und bereits über Jahrzehnte andauerndem Durchhaltevermögen hat er es so bereits locker unter die Top 100 der Welt in dieser Kategorie Bergsteigerlisten geschafft. Durch diese Gegebenheit war die Auswahl der potenziellen Touren beschränkt, was die Planung auch etwas einfacher machte. Es war klar, es mussten drei der prominentesten Berge der Schweiz werden. Unser Plan A bestand aus dem Säntis (auf der Schweizer Seite des Rheintals kurz vor seiner Mündung in den Bodensee), dem Rheinwaldhorn (der große Berg auf den man zufährt, wenn man in den San Bernardino Tunnel einfährt) und dem Piz Linard (dem höchsten Berg der Silvretta im Unterengadin). Als Plan B bei schlechtem Wetter haben wir uns das Tessin zurecht gelegt.

Die Anreise

Hier hat uns gleich ein altbekanntes Problem eingeholt. Wie bei der Tour zum Montasch war mein VW-Bus noch in der Werkstatt und der Clio von Niki zu klein um vier Personen und vier, für alle möglichen Bergsportarten befüllten, Rucksäcke gleichzeitig zu schlucken. Deshalb hat sich Johannes freundlicherweise wieder angeboten mit der Bahn den Weg durch die Alpen anzutreten, während Hannes, Niki und ich über das Bayerische Alpenvorland fuhren und unterwegs nochmal kräftig im Aldi Vorräte einkauften. Alles lief nach Plan und wir konnten am Campingplatz Bregenz einen wunderbaren Sonnenuntergang in einem halbwegs angenehm warmen Bodensee genießen.

Foto 1 – Sonneuntergang Bregenz I – Quelle: Żulinski 2020
Foto 2 – Sonneuntergang Bregenz II – Quelle: Żulinski 2020
Foto 3 – Sonneuntergang Bregenz III – Quelle: Żulinski 2020

Tour 1 – Säntis

Aber was wäre eine ordentliche Reise ohne ein paar Komplikationen. Da Bahnsteige im Rheintal offenbar etwas anders funktionieren und Schweizer Schaffnerinnen auch kein Problem mit Schwarzfahrern haben gelang es Niki (der heute einmal der Zugfahrer sein wollte, um sich den Hauptplatz in Appenzell anzuschauen) in den falschen Zug einzusteigen. Er musste daraufhin von Pia und ihrem Vito gerettet werden. Das Treffen bei der Seilbahnstation Wasserauen klappte dafür aber ohne Probleme. Eine solche Autoschlange beim Parkplatzeinweisen haben wir vermutlich alle noch nicht gesehen. Der ganze Kanton war offensichtlich auf die Idee gekommen dem Alpstein einen Besuch abzustatten. Seit Corona ist auch in der Schweiz der Urlaub im eigenen Land noch höher im Kurs als zuvor. Keine Angst wir ließen die Seilbahn links liegen. Der Clio wurde geparkt und wir stiegen alle in Pias Auto, um noch ein paar Kilometer in Richtung Seilbahn zum Hohen Kasten zu fahren. Auch diese Seilbahn wurde ignoriert und wir brachen auf in Richtung Sämtisersee. Dieser weite Schlenker zahlt sich wirklich aus. Wer die Ausdauer für einen sehr langen Tagesmarsch hat sollte unbedingt diese, oder eine ähnliche, Route wählen. Der kurz und knackige Aufstieg zum Kar führt durch eine enge Schlucht, dem Brüeltobel.

Foto 4 – Erste Ermüdungszeichen – Quelle: Stender 2020
Foto 5 – Der Fälensee, dahinter im Nebel das Massif des Säntis – Quelle: Żulinski 2020
Foto 6 – Am Fälensee mit Blick Richtung Saxerlücke – Quelle: Żulinski 2020

Anschließend geht es für längere Zeit halbwegs eben dahin. Ein weiterer kurzer Anstieg führt zum nächsten Kar und dem Fählensee. Hier ging es für uns weiter zur Saxerlücke. Dank unserer Ortskundigen Pia verließen wir hier die markierten Wege und folgten einem recht komfortablem Trampelpfad, immer dem Grad entlang, bis zur Zwinglipasshütte. Unser Etappenziel war erreicht.
Obwohl die Hütte recht groß und modern ist hat sie einen sehr urigen und gemütlichen Charme. Unter anderem lag das an der tollen Crew. Wie ich hier gelernt habe werden Schweizer Berghütten sehr oft von freiwilligen bewirtet, die jede Woche von der nächsten Crew abgelöst werden. So hat man ein hoch motiviertes Personal, welches sehr um Authentizität und seine Gäste bemüht ist.

Foto 7 – Murmele ohne Scheu I – Quelle: Stender 2020
Foto 8 – Murmele ohne Scheu II – Quelle: Stender 2020
Foto 9 – Murmele ohne Scheu III – Quelle: Stender 2020
Foto 10 – Sonnenuntergang auf der Zwinglipasshütte – Quelle: Żulinski 2020
Foto 11 – Die Churfirsten von der Zwinglipasshütte – Quelle: Żulinski 2020

Am nächsten Morgen steckte mir (und ich glaube auch den anderen) ehrlich gesagt noch ein wenig der Schock in den Gliedern. Eine Wanderkollegin hat am Abend einen Anruf über das Bergunglück eines Freundes bekommen. Das Unglück ereignete sich bei einer Gletscherquerung in einer Seilschaft beim Aufstieg zum Piz Bernina. Den Berg konnten wir von der Hütte aus sehen. Mit dem Wissen, dass wir auch noch per Seilschaft auf das Reinwaldhorn wollten, erzeugte so eine mehr oder weniger direkte Konfrontation mit dem Tod in den Bergen umso mehr ein sehr befremdliches Gefühl. Auch wenn man sich manchmal stark und unverletzlich vorkommt muss man sich immer wieder verinnerlichen, dass ein Fünkchen Pech, eine falsche Entscheidung in einem Sekundenbruchteil oder einfach eine kurze Unkonzentriertheit genügen können, um den Unterschied zwischen einem gelungenen gemütlichen Ausflug und einem absoluten Desaster machen zu können.
Nichtsdestotrotz erreichten wir den Gipfel des Säntis über den Lisengrat ohne Probleme. Nach einer kurzen Pause und der Bewunderung des „Zauberwürfels“ am Gipfel traten wir den Rückweg über den Seealpsee an.

Foto 12 – Der Gipfel des Säntis mit dem überdimensionalen Sendemast samt „Zauberwürfel“ – Quelle: Żulinski 2020

Mit einem Zwischenstop am Berggasthaus Mesmer konnten wir in Wasserauen den taktisch gut platzierten Clio wieder in Empfang nehmen. Die vollständige Route ist Abbildung 2 zu entnehmen. Den Track gibt es hier.

Abbildung 2 – Die Route der Tour 1 zum Säntis (in rot Tag 1, in grün Tag 2) – Quelle: www.alltrails.com; eigene Bearbeitung

Pause am Walensee, Bouldern im Murgtal und Bellinzona

Nun sollte es, nach einem Zwischenstop am Walensee, eigentlich weiter gehen zum Rheinwaldhorn. Da das Wetter aber drauf und dran war uns einen Strich durch die Rechnung zu machen entschieden wir uns dafür den Plan B Tessin abzugehen. Glücklicherweise gab es auch hier Berge, die auf Niki’s Liste standen. Doch zunächst machten wir das Bouldergebiet im Murgtal unsicher. Ein Bergsturz in einer recht breiten Au hat hier den Boulderfreunden ein abwechslungsreiches und landschaftlich sehr schönes Areal beschert. Die weichen Wiesen und die großen, kompakten Felsblöcke machten das Crashpad fast überflüssig. Leider scheiterten wir fast durchgängig an den einfachsten Bouldern. Das konnte eigentlich nur an den überproportional hohen Schwierigkeitsgraden in den Westalpen liegen 😉

Foto 13 – Hand am Fels I – Quelle: Żulinski 2020
Foto 14 – Hand am Fels II – Quelle: Żulinski 2020
Foto 15 – Hand am Fels III – Quelle: Żulinski 2020
Foto 16 – Hand am Fels IV – Quelle: Żulinski 2020
Foto 17 – Hand am Fels V – Quelle: Żulinski 2020
Foto 18 – Abflug – Quelle: Żulinski 2020
Foto 19 – Hand am Fels VI – Quelle: Żulinski 2020
Foto 20 – Hand am Fels VII – Quelle: Żulinski 2020
Foto 21 – Hand am Fels VIII – Quelle: Żulinski 2020

Nachdem sich die Hinweise aus der Wetterprognose zu einer ausgeprägten Regenfront verdichteten machten wir uns auf den Weg in Richtung Süden. Kurz vor der Tunneleinfahrt des San Bernardino konnten wir in den Wolken das Rheinwaldhorn erahnen. Die Wehmut über die entgangene Tour konnte angesichts der Vorstellung in dieser kalten Nebelsuppe herumzustolpern keine Überhand gewinnen. Und außerdem hatte vor allem ich keine Zeit lang herumzugrübeln. Denn dann war er da. Der große See, der Lago Maggiore. In meinem inneren Auge spielten sich all die Kindheitserinnerungen ab, die ich hier am See erlebt habe. Meine Eltern und ihr Freundeskreis haben aus einem spontanem Kurzurlaub, der zufällig in Cannobio (dem nördlichsten italienischen Ort am Westufer des Sees) endete, eine Tradition gemacht. Fortan war klar, dass man sich für alle Ewigkeit immer an Ostern hier zu treffen hat. Über 20 Jahre hat dieser Schwur ohne ein einziges Unterbrechungsjahr gehalten. Wie halt das Leben so spielt gehen dann die Präferenzen doch auseinander und irgendwann fragt man sich auch, wenn man wieder bei einem späten Ostern im April bei strömendem Regen nur im kalten Vorzelt sitzt, ob es nicht Zeit für etwas Neues ist. Spätestens mit meinem Umzug nach Wien war dieser Ort für mich lange Jahre aus dem Fokus gerückt. Umso mehr hat es mich gefreut nach so vielen Jahren, dem schlechten Wetter im Norden sei Dank, mal wieder hier sein zu können.
In Tenero bei Locarno schlugen wir am Campingplatz unsere Zelte auf und erhohlten uns von der ersten Tour und dem teils blamablen Auftritt beim Bouldern.

Foto 22 – Blick auf Maccagno, Luino und Cannobio – Quelle: Stender 2020
Foto 23 – Der Ortskern von Cannobio – Quelle: Stender 2020
Foto 24 – Die Altstadt von Bellinzona mit Teilen der Stadtmauer und dem am höchsten gelegenen Castello di Sasso Corbaro – Quelle: Żulinski 2020

Der darauffolgende Tag wurde ebenfalls eher gemütlich angegangen. Für einen Halbtagsausflug fuhren wir wieder ein Stück nach Norden, um uns Bellinzona anzuschauen. Ein sehr nettes kleineres Städtchen, das eine durchaus interessante Geschichte aufzuweisen hat. Als Nadelöhr zwischen dem Gotthardpass und dem Herzen der Eidgenossenschaft im Norden und dem mächtigen Herzogtum Mailand im Süden war Bellinzona Schauplatz vielen Kriegshandlungen. Berühmt ist die Stadt für Ihre äußerst schwer zu überwindende Stadtmauer mit drei zu Festungen ausgebauten Burgen. Mehr Details zur militärischen Vergangenheit der Stadt findet Ihr hier. [2]

Tour 2 – Gridone

Nachdem wir ausreichend Energie gesammelt hatten ging es endlich wieder auf Tour. Diesmal sollte es mit einer Biwak-Übernachtung am Berg sein, nachdem ich einen Tag lang erfolgreich Überzeugungsarbeit geleistet hatte. Auf der Liste stand der 2.188 m Hohe Gridone. Eine nicht zu unterschätzende Summe an Höhenmetern erwarten einen, wenn man am See startet. Denn letzterer liegt nur auf knapp 200 m. Daher nutzten wir die Gelegenheit von Brissago auf gute 1.000 m mit dem Auto zu fahren und auf einem Wanderparkplatz zu parken. Nach kurzen Zusammenpacken konnte es los gehen. Wir folgten zunächst der Asphaltstraße, die zu den letzten Streusiedlungen hinauf führte. Dann ging es auf Trampelpfaden durch den Bergwald weiter. Auch hier passierten wir immer wieder Häuser, die nun auch von den Bewohnern nur noch zu Fuß erreicht werden konnten. Nahe der Waldgrenze ließen wir unser schweres Gepäck in einem Notunterstand. Falls wir später keine bessere Stelle mehr finden sollten war diese Stelle als Nachtlager geplant. Nach kurzem Zwischenstop am Rifugio Al Legn, welches ebenfalls wieder von Freiwilligen bewirtet wurde, machten wir die letzten Höhenmeter zum Gipfel. Obwohl es mittlerweise schon Nachmittag war hatten wir über uns noch blauen Himmel und angenehme Temperaturen. Der Blick auf den See war einfach gigantisch. Nach Nordosten konnte in den Wolken wieder die Berninagruppe erahnt werden, im Südosten war die Po Ebene und sogar der Ballungsraum von Mailand zu erkennen. In Richtung Westen wurde die Wolkendecke leider immer dichter, sodass unsere Hoffnungen die Dufourspitze und andere 4.000er klar erkennen zu können nicht erfüllt wurde. Man sah lediglich einige verwaschene Spitzen und weiße Flecken an den Flanken, sodass wir die einzelnen Berge nur mit Mühe zuordnen konnten. Nach etwas längerer Rast machten wir uns wieder an den Abstieg. Mit einem weiteren kurzen Stop am Rifugio Al Legn erreichten wir recht zügig unser Nachtlager. Da wir keine noch schönere Stelle gefunden hatten, blieben wir bei der Entscheidung hier zu zelten.

Foto 25 – Endlich mal ein Beweisfoto von einem Gipfel am Gridone– Quelle: Żulinski 2020
Foto 26 – Blick nach Südosten mit vorgelagertem Gipfel und Grat – Quelle: Żulinski 2020
Foto 27 – Die Chiesa di Sant`Agata (Gemeinde Cannobio) – Quelle: Stender 2020

Es wurde ein sehr entspannter Abend, wir haben sogar noch gekocht…natürlich am Gaskocher und nicht am Lagerfeuer 😉 Und auch die Nacht war sehr komfortabel und nicht zu kalt. Die vollständige Route ist Abbildung 3 zu entnehmen. Den Track gibt es hier.

Abbildung 3 – Die Route der Tour 2 zum Gridone (in rot Tag 1, in grün Tag 2) – Quelle: www.alltrails.com; eigene Bearbeitung

Der Abstieg und die Rückfahrt zum See verlief natürlich ohne weitere Zwischenfälle. Also wenn man von einem kleinen Auffahrunfall absieht. Ein entgegenkommendes Müllfahrzeug hatte den Clio und ein weiteres Auto zum Anhalten gezwungen. Der Vordermann bescherte Niki durch eine, im Nachhinein fast schon witzig anmutende, Stunteinlage ein hübsches Sümmchen von der Versicherung. So, jetzt musste aber echt nochmal gebadet werden, bevor es wieder über den San Bernardino ins Unterengadin ging.

Bouldern in Cresciano, Deckenfresken der Kirche in Zillis, Viamala und Flüelapass

Vor der etwas längeren Fahrt ins Engadin legten wir noch in Claro, von Bellinzona wenige Kilometer den Ticino hinauf, einen weiteren Camping-Stop ein. Das Bouldergebiet Cresciano haben wir uns auch noch angeschaut. Das Gelände war hier auch sehr anspruchsvoll, aber ein paar Routen konnte man fast schon schaffen. Die Herausforderung war hier vor allem, dass das Gelände an sich sehr stark geneigt war und es nicht leicht war das Crashpad zu platzieren…und ich noch Tage danach beschäftigt war Dornen aus meinem Hinterteil zu ziehen.
Nun ging es aber wirklich weiter nach Norden. Natürlich blieben wir unserem Motto treu auf der Fahrt kreuz und quer alles an Informationen und Sehenswürdigkeiten aufzusaugen, die sich uns boten. Da gab es zum Beispiel die berühmten, aus der Romanik stammenden, Deckenfresken aus Holz in der Kirche St. Martin in Zillis. Sie gehören zu den ältesten und am besten erhaltensten der Welt. [3] Die Viamala Schlucht-Schlucht war bereits zu Zeiten der Römer berühmt berüchtigt für die gefährliche Durchschreitung und die Wegelagerei. Dies steckt bereits im Namen – „Schlechter Weg“. Über lange Zeit von den Wassermassen des Rheins geschaffen, ist dies ein spektakulärer Ort, der gleich nach der breiten Ebene von Zillis Flussabwärts beginnt. [4] Danach verließen wir wieder das Einzugsgebiet des Rheins und fuhren über den Flüelapass (Verniedlichung von Flueh/Fluh = (Fels)Wand, felsiges Gebiet [5] [6]) ins Unterengadin zu unserer letzten Tour zum Piz Linard.

Tour 3 – Piz Linard

Von Lavin starteten wir nun – Pia mit dem Mountainbike bis auf halbe Höhe zur Hütte und der Rest wie gewohnt zu fuß. Der Aufstieg konnte recht unaufgeregt bewältigt werden. Einer absteigenden Truppe konnte Niki die wertvollen Informationen abluchsen, dass man die letzten Schneefelder bis zum Gipfel recht gut, sogar mit normalen Wanderschuhen und Steigeisen, machen kann. Allerdings hatten sie recht viel Nebel und mussten des Öfteren ihren Kurs korrigieren. Auf der Hütte angekommen wurde wir, wie bereits gewohnt, herzlich empfangen und wieder einmal von vorne bis hinten verwöhnt. So schlecht von leckerem Essen war mir glaub ich noch nie. Aber zurückgehen kann man halt auch nichts. Sogar wenn man zu sechst eine Wanne Stampfkartoffeln, ein halbes Zentner Bohnen, Spiegeleier und für die Fleischfreunde ein halbes Spanferkel bekommt. Suppe und Nachspeise gab es natürlich auch noch.
Wider Erwarten konnten wir, trotz der Mammutaufgabe für die Mägen in der Nacht, gut schlafen und dem Gipfel stand am nächsten Morgen nichts mehr im Wege. Bei bestem Wetter machten wir und auf zum Fuß vom ersten Schneefeld. Hier kam uns bereits ein besonders motivierter vom Gipfel entgegen. Er hatte die Nacht in einer kleinen Ebene bei den Lai da Glims im Zelt verbracht, um gleich zum Sonnenaufgang am Gipfel zu sein.
Das interessante in den Schweizer Alpen ist der Umstand, dass normale Wanderwege so gut ausgeschildert und versichert sind, dass man sich wirklich bemühen muss, um hier einen Blödsinn zu machen. Kommt man aber in hochalpines Gelände, so gibt es überhaupt keine Markierungen mehr. Eine sehr effektive Maßnahme, um sicherzustellen, dass diese Touren nur von Leuten gemacht werden, die es wirklich wollen und eine gewisse Bergerfahrung mit sich bringen. Hier am Piz Linard gibt es lediglich einige Routenvorschläge zum Gipfel. Wir haben uns für den einfacheren Normalweg entschieden.

Foto 28 – Die Routenvorschläge auf den Piz Linard – Quelle: Stender 2020

In der Weitemannrinne (auf der Karte auf Foto 28 in rot markiert) haben wir dann leider so halb bewusst den alten Normalweg gewählt, der neue hätte daran rechts vorbei geführt. Für uns sah es von unten schlüssig aus in der Rinne zu bleiben. Wir sollten jedoch gleich zu spüren bekommen, dass sich die Leute bei der Umgehung etwas gedacht haben. Innerhalb kürzester Zeit lösten sich mehrere unterschiedlich große Gesteinsbrocken und rauschten durch die Rinne. Teilweise durch die Vorderleute ausgelöst, oft auch ohne ersichtlichen Grund. Man merkte also, dass der Stabilisator Schnee wich und auch der Dauerfrost nun in häufige Frostwechsel (Tag und Nacht) umschlug. Dies führt vermehrt zu Frostsprengung und sich lösendes Material. Einen Brocken mit 30-50 cm Durchmesser löste Niki selbst aus und konnte ihn gerade noch so mit seinem Fuß stoppen bis Johannes sich unter ihm in Sicherheit gebracht hatte.

Foto 29 – Die ersten Meter am Morgen – Quelle: Żulinski 2020
Foto 30 – Blick auf die Bernina Gruppe I – Quelle: Żulinski 2020
Foto 31 – Blick auf die Bernina Gruppe II – Quelle: Żulinski 2020
Foto 32 – Der Gipfel schon zum Greifen nahe – Quelle: Żulinski 2020

Der restliche Aufsteig über den Schnee war dann vergleichsweise leicht und so erreichten wir noch vor Mittag den Gipfel. Genau richtig bevor die ersten Wolken aufzogen und allmählich die Sicht auf die restliche Silvrettagruppe im Norden und im Süden die Gipfel des Engadins versperrten. Der Abstieg konnte wieder ohne größere Zwischenfälle absolviert werden, auch wenn immer wieder links und rechts Steinschläge in Richtung Tal schossen. Ein echter Geröllheimer dieser Berg.

Foto 33 – Endlich oben I – Quelle: Żulinski 2020
Foto 34 – Endlich oben II – Quelle: Żulinski 2020
Foto 35 – Und wieder retour I – Quelle: Żulinski 2020
Foto 36 – Und wieder retour II – Quelle: Żulinski 2020
Foto 37 – Und wieder retour III – Quelle: Żulinski 2020
Foto 38 – Und wieder retour IV – Quelle: Żulinski 2020
Foto 39 – Und wieder retour V – Quelle: Żulinski 2020


Die vollständige Route ist Abbildung 4 zu entnehmen. Den Track gibt es hier.

Abbildung 4 – Die Route der Tour 3 zum Piz Linard (in rot Tag 1, in grün Tag 2) – Quelle: www.alltrails.com; eigene Bearbeitung

Und hier noch eine Übersicht über die gesamte Reiseroute.

Abbildung 5 – Die Reiseroute – Quelle: OSM, USGS, Natural Earth Data; eigene Bearbeitung

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Schartenh%C3%B6he#:~:text=Die%20Schartenh%C3%B6he%20oder%20Prominenz%2C%20auch,Berg%20als%20solchen%20zu%20klassifizieren.
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Ennetbirgische_Feldz%C3%BCge
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/St.Martin(Zillis)
[4] https://viamala.graubuenden.ch/de/entdecken/viamala-schlucht
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Fl%C3%BCelapass
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Fluh

* der Alpenverein hat in einer Formel versucht mit Hilfe der beiden Kennzahlen Dominanz und Prominenz den Eigenständigkeitswert eines Berges zu ermitteln. In meinen Augen ist dies sehr gut gelungen und man kann für eine automatisierte Klassifikation von Berggipfeln recht gute Ergebnisse erzielen. https://www.alpenverein.de/

Eine Rutschpartie mit Drahtseilakt – eine spätwinterliche Besteigung des Jôf di Montasio (Montasch) im Friaul

Auch wenn ich nun bereits seit über zehn Jahren in die Berge gehe habe ich mit Winter, Schnee und Gletscher nie wirklich Freundschaft, bzw. Bekanntschaft geschlossen. Mein Jahr in Tirol hat mich schon Ski-technisch sehr auf den Geschmack gebracht und mit dem Winterbiwak am Zirbitzkogel (siehe Winterbiwak am Zirbitzkogel) bin ich nun schlussendlich auch motiviert mich ohne Ski in Schnee und Eis zu wagen.

Im Juni 2020 wollten meine vier Mitstreiter und ich eigentlich eine knackige aber relativ unspektakuläre Besteigung des Montasch absolvieren. Das Spektakulärste erschien uns hierbei, aufgrund der geringen Ladekapazität des einzigen Autos, inmitten der Corona-Pandemie die Grenze nach Italien mehrfach innerhalb kurzer Zeit zu übertreten. Hannes und Johanna wurden nach Absetzen von Johannes und mir auf der Sella Nevea (deutsch: verschneiter Sattel) von Niki in Arnoldstein vom Bahnhof abgeholt. So brachte es Niki innerhalb von einer Stunde auf heiße drei Grenzübertritte am gleichen Ort – von Grenzbeamten jedoch weit und breit keine Spur.
Nachdem dieser erste Teil erfolgreich absolviert wurde konnten auf der Sella Nevea die Rucksäcke umgeschnallt werden. Nach einigen Metern in einer skurrilen Landschaft aus 60er-Jahre Beton-Bettenburgen, die den Anschein hatten nicht nur im Frühsommer sehr verlassen zu sein, ging es über eine breite Forststraße hinauf zum Rifugio Giacomo di Brazzà. Damit war das Tagesziel erreicht und nach einem gemütlichen Abendessen ging es zur Nachtruhe.

Foto 1 – Beim Aufstieg zur Hütte – Quelle: Żulinski 2020
Foto 2 – Blick von der Hütte nach Westen – Quelle: Żulinski 2020
Foto 3– Gleicher Blick etwas später – Quelle: Żulinski 2020
Foto 4 – Am nächsten Morgen der Blick nach Süden auf den Kanin – Quelle: Żulinski 2020

Wir waren die einzigen Gäste über Nacht und so waren wir am nächsten Morgen recht gut erholt und konnten voller Tatendrang in Richtung Gipfel aufbrechen. Dass es den Abend und die Nacht fast durchgehend geregnet hatte störte uns nicht besonders, der Hüttenwirt meinte, dass es nur die letzten Höhenmeter ein wenig Neuschnee gibt.
Das stimmte zunächst zwar noch, mehr Sorgen bereiteten uns dann aber recht bald die zahlreich vorhandenen Altschneefelder. Durch die fortgeschrittene Degradation der Schneekristalle durch die anhaltende Schneeschmelze war der Altschnee sehr hart ohne jedoch durchgefroren zu sein, da es die letzen Tage zu warm war. In Kombination mit der Neuschneeauflage war dies der perfekte Schmierfilm und wir hatten größte Mühe trotz Grödel / Steigeisen nicht auszurutschen.

Foto 5 – Beim Überqueren eines Altschneefeldes – Quelle: Żulinski 2020
Foto 6 – Die Mühen werden mit einem traumhaften Ausblick belohnt – falls der Himmel mal aufreißt – Quelle: Żulinski 2020

Da die Schneefelder zum Teil etwas weiter auseinander lagen hat uns das An- und Ausziehen der Ausrüstung sehr viel Zeit gekostet und wir waren ein gutes Stück hinter unserer Zeitplanung. Nun folgte der eigentlich unproblematische, aber durch die Anstrengung der Schneefelder und den immer dichter werdenden Nebel doch fordernde, Klettersteig auf den Grat.

Foto 7 – Manchmal muss man einfach steil gehen… – Quelle: Żulinski 2020
Foto 8 – …oder einfach mal abhängen – Quelle: Żulinski 2020

Am Grat angekommen wurde eine Entscheidung getroffen, die wir als Gruppe gut gelöst haben, aber trotzdem nicht leicht fiel. Zum Gipfel zogen wir nur noch zu dritt weiter, da der Aufstieg in Summe viel Zeit und Kraft gekostet hatte, der Nebel einfach nicht dauerhaft aufreißen wollte und ab hier der Neuschnee doch recht beträchtlich war. Die ausgesetzte aber grundsätzlich nicht schwierige Gratwanderung wurde so zu einer potenziellen Rutschpartie, die in jeder Sekunde hundertprozentige Konzentration abverlangte.

Foto 9 – Die Schlüsselstelle der Gratwanderung – Quelle: Żulinski 2020
Foto 10 – Das war am Gipfel…oder so – Quelle: Żulinski 2020

Den Gipfel haben wir dann doch recht rasch und unaufgeregt erreicht. Das Gipfelfoto haben wir in der Eile wohl vergessen. Auf dem Rückweg hat mich Niki allerdings fast mit einem Steinschlag zwangsbeglückt. Zum Glück hatten wir immer die Corona Abstandsregel im Kopf und so verabschiedeten sich die Gesteinsbrocken zwischen uns zu Tale.
Nachdem die Gruppe wieder vereint war konnten wir uns daran machen den ganzen Spaß rückwärts zu gehen. Leider verzog sich der Nebel noch immer nicht. Den Klettersteig passierten wir ohne Zwischenfälle. Jedoch zeigten sich die Schneefelder beim Abwärtsgehen von ihrer tückischsten Seite und es erwischte einige, die eine Abkürzung nach unten nehmen mussten. Der erste Platz, mit guten 50 Metern, geht an Johannes, der sich noch sensationell fangen konnte und sich elegant ins Geröll rettete – bis auf einige Schürfwunden war zum Glück nichts passiert.
Aus Jugendschutzgründen und für all jene mit schwachen Nerven folgen jetzt bunte Bildchen.

Fotos 11-15 – Sobald es wieder grüner wurde gab es Tiere nicht zu knapp und ohne Scheu – Quelle: Żulinski 2020

Nach diesem aufreibenden Tag hatten wir uns etwas Abwechslung verdient. Wie wäre es mit noch einem Klettersteig?! Oder ein wenig Instagram Hipster auf die Schippe nehmen an den Laghi di Fusine. Oder einfach noch ein bisschen Planschen am Faaker See.
Unterm Strich ein sehr gelungener Trip, der fordernd war und viel Spaß gemacht hat, nicht zuletzt dank einer tollen Truppe die gut als Team funktioniert hat 🙂

Fotos 16 – Am Kanzianiberg im Klettergarten I – Quelle: Żulinski 2020
Fotos 17Am Kanzianiberg im Klettergarten II – Quelle: Żulinski 2020
Fotos 18 – Posieren am Lago di Fusine inferiore I – Quelle: Żulinski 2020
Fotos 19Posieren am Lago di Fusine inferiore II – Quelle: Żulinski 2020
Fotos 20 – Der Lago di Fusine inferiore in seiner wahren Pracht – Quelle: Żulinski 2020
Fotos 21 Posieren am Lago di Fusine superiore – Quelle: Żulinski 2020
Fotos 22 – Baden im Faaker See – Quelle: Żulinski 2020

Üben für den Ernstfall – Winterbiwak am Zirbitzkogel

Nein, ich meine nicht den Seuchen-Ernstfall. Ich habe diesen Beitrag bereits im Februar angefangen zu schreiben. Daher klingen die nun folgenden einleitenden Zeilen wie ein verheißungsvoller, aber leider viel zu unrealistischer, Traum…

Foto 1 – Eine kleine Gratwanderung zum Gipfel – Quelle: Zulinski 2020

Überkommt Euch auch manchmal plötzlich das Verlangen einfach mal wieder eine Weile raus in die Natur zu gehen? Einen ganz besonderen Reiz hat die Sache, wenn man auch noch draußen schlafen kann. Spätestens beim Aufstehen flucht man zwar über die massive Komforteinbuße gegenüber dem gemütlichen Zuhause, die Dankbarkeit, wenn man den Luxus der Zivilisation wieder genießen kann erdet mich dafür umso mehr.
Dieses „draußen sein“ Bedürfnis hatte ich vor kurzem wieder einmal. Und was macht man, wenn es nun mal Winter ist. Ganz genau! Man sucht sich einen Ort mit genügend Schnee (in diesem Winter musste man da schon auf mindestens 2.000 Meter hinauf) und gräbt sich hinein. Das Ergebnis ist ein Iglu, genauer gesagt ein Quinzhee, als Winterbiwak. [1]
Glücklicherweise bin ich nicht der einzige Spinner, der Lust auf so etwas hat. Mein Freund und Arbeitskollege Niki hat im vorigen Winter genau das schon einmal nur gemeinsam mit seinem Hund gemacht. Zufällig sind wir auf das Thema zu sprechen gekommen und wir waren uns schnell einig, sobald wie möglich eine Tour zu starten. Gemeinsam waren wir auch mutig genug diese Aktion in hochalpinem, einsamem Gelände zu machen. Denn trotz aller Vorsichtsmaßnahmen – es kann immer etwas unvorhergesehenes passieren. Und zu zweit (den Hund rechne ich hier mal nicht mit ein) kann man einfach auf Gefahren und Probleme noch viel besser reagieren.

Also haben wir uns aufgemacht einen Gipfel zu erklimmen. Das erstbeste (und auch wunderschöne) Ziel von Wien mit einem ausreichend hohen Gipfel (2.396 m.ü.A.) und nicht zu steilem Gelände ist der Zirbitzkogel zwischen Judenburg und Friesach. [2] Möglichst wenig steil sollte das Gelände sein, damit die Lawinengefahr überschaubar bleibt. Auch wenn zum Zeitpunkt unserer Tour die Lawinenwarnstufe am Zirbitzkogel gering bis mäßig war wollten wir auf Nummer sicher gehen, da man Nachts nie wissen kann was kommt…zudem wollten wir nicht in die Kalkalpen, da diese sehr schroff sind. Da kommt man mit Schneeschuhen schnell an seine Grenzen (siehe auch Schneeschuhwandern in der Hohen Tatra). Und im Winter kann man im Karst auch nie wissen, ob man nicht in eine Doline fällt.

Nach zwei Stunden Fahrt bis Judenburg und noch einer halben Stunde Zufahrt bis zum Parkplatz der Winterleitenhütte konnten wir uns die Montur anlegen und das Abenteuer starten. Nach kurzer Zeit war auch bereits eine einigermaßen flächendeckende Schneeschicht vorhanden und wir konnten uns die Schneeschuhe anziehen. An exponierten Stellen war jedoch immer wieder der Schnee vollständig verblasen. Es war wirklich bemerkenswert wie wenig Schnee unterhalb von 2.000 Metern lagen. Erst darüber konnte man von einer wirklichen Schneedecke sprechen.

Abbildung 1 – Die Route der Tour – Quelle: www.alltrails.com; eigene Bearbeitung

Der weitere Aufstieg über den Ochsenboden konnte recht zügig und unspektakulär bewältigt werden. Lediglich die letzten 200-300 Höhenmeter mussten hart erkämpft werden. Als Belohnung konnten wir am Grat die herrliche Aussicht bei bestem Wetter und kaum Wind genießen.
Knapp unterhalb des Grats konnten wir bereits eine optimale Stelle für das Biwak ausmachen. Windgeschützt in einer Senke mit einer ausreichend hohen Schneedecke. Zudem war für den Notfall die Wetterradarstation in unmittelbarer Nähe. Nach einer kurzen Essens- und Verschnaufpause haben wir schon mal begonnen mit unseren Lawinenschaufeln einen ca. zwei Meter hohen Schneeberg aufzutürmen. Dieser soll sich dann über ein bis zwei Stunden setzen. Da noch eine gute Stunde bis zum Sonnenuntergang Zeit war, haben wir in der Zwischenzeit nochmal die Schneeschuhe angeschnallt und sind noch schnell hinüber zum Gipfel des Zirbitzkogels – Perfektes Timing zum Sonnenuntergang.

Foto 4 – drei dunkle Gestalten – Quelle: Zulinski 2020

Zurück am Lagerplatz begannen wir sofort damit unseren Schneehaufen auszuhöhlen, da es in der Zwischenzeit ohne die Sonne recht frisch geworden war. Nach einer guten Stunde haben sich architektonischer Ehrgeiz und Erfrierungsgrad der Gliedmaßen gegenseitig neutralisiert und wir haben die Bauarbeiten eingestellt.

Foto 5 – Der Wächter des Eingangs – Quelle: Zulinski 2020

Um ehrlich zu sein – geräumig ist anders. Aber es ist allemal besser als zu erfrieren. Und je kleiner der Inneraum desto geringer die Auskühlung. Zusätzlich haben wir den Eingang noch mit einer kleinen Stufe versehen, um das ungehinderte Einströmen von Kaltluft zu verhindern. Nach einer, den Umständen entsprechend, aufwändig zubereiteten Mahlzeit auf einem Gaskocher in der Kochnische und nach einem letzten Check der Außentemperatur (es war inzwischen verdammt kalt) haben wir uns in die Schlafsäcke verkrochen.

Foto 6 – (Schnee)Sterneküche – Quelle: Zulinski 2020

Das war sie also, unsere spontane Übung des Ernstfalls. Um genau zu sein war diese Aktion gar nicht so spontan. Das wollte ich schon längst einmal gemacht haben. Naturlich aus rein professionellen Gründen und keinesfalls zur Gaudi 😉 Aber mal ernsthaft – neben dem Spaßfaktor, den ich dabei haben wollte, war es mir tatsächlich sehr wichtig solch eine Nacht verbracht zu haben. Denn wenn es wirklich mal blöd läuft und man wirklich im Gelände biwakieren muss ist es einfach unglaublich wichtig in Gewissen Dingen eine Routine zu haben. Zum einen, dass man vom Kopf her sicher ist, diese Situation technisch meistern zu können und zum anderen, dass gewisse Handgriffe sitzen. Denn mit der Nervosität bzw. Panik in einer Notlage versagt oftmals auch das klare Denken und da sind Automatismen Gold wert. Und deshalb, auch wenn ich in der Früh beim Aufstehen der schlimmste Morgenmuffel ever war, kann ich es kaum erwarten das nächste Mal im Gelände zu biwakieren…

Abbildung 2 – Technische Skizze unserer Quinzhee-Variante – Quelle: www.pinterest.at

Wer es technisch gerne etwas ausführlicher hätte und auch noch praktische Tipps braucht, dem empfehle ich einen Artikel von Bergzeit. [3]
Wer diese oder eine ähnliche Tour selbst planen möchte, dem sei die Wanderkarte Nr. 211 von Freytag & Berndt empfohlen. [4] Hier sind alle wichtigen Wander- und Skirouten eingezeichnet. Für etwas präzisere Orientierung im Gelände eignet sich die amtliche ÖK50 besser, da hier die Höhenlinien einen Abstand von nur 20 Meter haben und auch die Felszeichnung etwas genauer ist. [5]

Das war das Endergebnis unserer selbstgebauten Behausung. In der Hoffnung, dass so etwas bald wieder möglich, aber nie wirklich nötig ist.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Quinzhee
[2] http://www.austrianmap.at/amap/index.php?SKN=1&XPX=637&YPX=492
[3] https://www.bergzeit.at/magazin/winterbiwak-einsteiger-tipps/
[4] https://www.freytagberndt.com/produkt/9783850846806-wk-211-naturpark-zirbitzkogel-grebenzen-murau-soelkpass-wanderkarte-150-000/
[5] https://www.freytagberndt.com/produkt/9007868054184-4226-judenburg/#lightbox/1/

Die weiße Gefahr und der tödliche Dreier

Besonders im Frühjahr locken Sonnenschein, Wärme und noch immer ausreichend Schnee jenseits der 1.500 m Wintersportler in die Berge für eine Skitour. Um diese Jahreszeit gilt das als relativ sicher. Die großen Schneemengen sind gefallen, die Schneedecken haben sich gesetzt und es ist im Allgemeinen eher mit Plusgraden nach Sonnenaufgang zu rechnen. Und wenn’s dann doch nochmal draufschneit, was soll’s. Gibt eh nur maximal ’nen Dreier als Lawinenwarnstufe. Auf der Skala von 1 (gering) bis 5 (sehr groß) ist das doch vertretbar, oder?

Abbildung 1 – Die Europäische Gefahrenskala für Lawinen – Quelle: sportgigant.at

Fakt ist, dass bei Lawinenwarnstufe 3 bei weitem die meisten tödlichen Lawinenunglücke passieren. [1] Denn Stufe 3 bedeutet „erhebliche Gefahr“ und ist nicht wirklich mit „mittlere Gefahr“ als Mittelwert von 1 und 5 zu übersetzen. Die Kombination von Unwissenheit im Umgang mit Lawinenwarnberichten, Unerfahrenheit in der Risikoeinschätzung vor Ort und einer erhöhten Risikobereitschaft bei der vermeintlich „mittleren / eventuellen“ Gefahr ist eine denkbar ungünstige. Wenn dann noch steile, nordexponierte Hänge befahren werden steigt das statistische Risiko eines Lawinenunfalls nochmals deutlich an. [2] Eine sehr gute und recht ausführliche statistische Analyse zum Thema hat der ÖAV in seinem Mitgliedermagazin „Bergauf“ veröffentlicht. [3] In dieser Analyse wird auch Lawinenexperte Werner Munter zitiert, welcher die Kombination aus Gefahrenstufe 3, einer Hangneigung von mehr als 40° und einer Nordexposition als „todgeilen Dreier“ bezeichnet hat. (Und auch auf den „unterschätzen Zweier“ wird eingegangen. Rund ein Viertel der tödlichen Lawinenunfälle passieren bei Warnstufe 2.)

Abbildung 2 – Statistische Auswerung von Lawinenunfällen – Quelle: alpenverein.at

Deshalb wird von einigen Seiten gar eine Abschaffung des Lawinendreiers gefordert. [4] Das wichtigste meiner Meinung nach ist, sich nicht blind auf Zahlen und Daten zu verlassen. Allein aufgrund des Lawinenwarnberichtes und ohne aktuelle Ortsbegehung würde ein seriöser Bergführer niemals eine Empfehlung für oder gegen eine Tour abgeben!

Erfahrung und gesunder Menschenverstand sind besonders in diesem Kontext unfassbar wichtig. Und auch das ist noch zu wenig, da das Thema Lawine so komplex ist und auch im Kontext des Klimawandels „alte Hasen“ immer wieder Überraschungen erleben.

Hohe Tatra Teryho Chata
Foto 1 – Potenzieller Lawinenhang?! – Quelle: eigene Aufnahme

Ich habe den Winterteil meiner Ausbildung zum Bergwanderführer im Jänner 2019 in der Ramsau am Dachstein gemacht. Genau in der Woche, als dort eine Lawine durch ein Hotel im Ortskern gefahren ist. Die großen Schneemengen am Dachsteinplateau in Kombination mit den warmen Temperaturen unterhalb von 2.000 m haben diese Lawine zu einem katapultartigen Geschoss gemacht (vergleichbar mit dem Wasserfilm unter den Kufen beim Schlittschuhfahren). Niemand hat damit gerechnet, dass eine Lawine von der Bergstation der Seilbahn so weit bis ins Tal kommt, sodass unsere Ausbilder während des Kurses die allgemeine Empfehlung des Bergwanderführerverbandes für die maximale Hangsteilheit bei einem Lawinendreier um 5° reduziert haben.

Ein Freund von mir ist sehr erfahrener Bergsportler und hat zur gleichen Zeit in Tirol eine Skitour bei Lawinenwarnstufe 5 in einem Gelände mit Hangsteilheit weit jenseits der 30° gemacht. Seine Aussage: Das Wetter war zu schlecht, dass Aufklärungshubschrauber seriös die lokale Lawinengefahr einschätzen konnten, deshalb hat man sicherheitshalber einen 5er festgelegt. Laut seiner Aussage war die Tour, die er gemacht hat sicher.

Eine sehr gute Orientierung von der Vorbereitung der Tour bis zur Beurteilung vor Ort ist die 3X3 Methode. [5] Ebenfalls sehr hilfreich ist die Stop or go Karte. [6]

Abbildung 3- Stop or go – Quelle: alpenverein.at

Wer es gerne ausführlicher möchte wird einmal mehr beim ÖAV fündig. [7] Gute Tipps zur Verschüttetensuche gibt es dort ebenfalls. [8]
Und generell gilt – immer den aktuellen Lawinenwarnbericht studieren. [9]

[1] https://www.alpenverein.at/portal/news/aktuelle_news/2015/2015_01_09_Lawinengefahr-Risiken.php
[2] https://www.neue.at/tribuene/2019/11/09/der-toedliche-geile-dreier.neue
[3] https://www.alpenverein.at/portal_wAssets/docs/service/bergauf/pdf_downloads/bergauf_2019/Bergauf_1_19_eBook.pdf
[4] https://www.derstandard.at/story/2000030675236/schafft-den-lawinendreier-ab
[5] https://www.powderguide.com/magazin/safety-themen/artikel/3×3-filtermethode-reduktionsmethode.html
[6] https://www.alpenverein.at/jugend/home/topnews/2016-12-22-stop-OR-go-or-stop-AND-go.php
[7] https://www.alpenverein.at/portal_wAssets/docs/news/2014/Alpenverein_Cardfolder-Skitouren_2014-15.pdf
[8] https://www.alpenverein.at/portal/bergsport/sicheramberg/skitouren/notfall-lawine-verschuettetensuche.php
[9] http://www.lawinen.at/