Zero Waste und Corona

Eine Übersicht für Wien

Die Welt steht gerade ein bisschen Kopf. (Vielleicht sogar mehr als nur ein bisschen.) Was wahrscheinlich alle beschäftigt, die mit einer Ausgangsbeschränkung konfrontiert sind, ist der Lebensmittel-Einkauf. Denn Beschränkung hin oder her, sich mit Nahrung einzudecken ist weiterhin erlaubt.

Eine Frage, die sich wahrscheinlich die meisten stellen, die normalerweise verpackungsfrei einkaufen, ist der Umgang der bevorzugten Locations mit dem Virus und den Ladenschließungen. Darum habe ich mich mal daran gemacht und Euch die aktuellen Öffnungszeiten/ Schließungen der Wiener Zero Waste Hotspots herausgesucht.

Auch wenn viele Läden weiterhin offen haben: fahrt bitte nicht quer durch die Stadt um einzukaufen! Das Eindämmen des Virus‘ sollte derzeit oberste Priorität haben.

Ladengeschäfte und Märkte

Lunzers Maß-greißlerei

Die Maß-Greißlerei im 2. Bezirk als unverpackter Supermarkt erhält den Betrieb aufrecht.

Liebe Freunde von LUNZERS Maß-Greißlerei,
Wir sind zu gewöhnten Öffnungszeiten weiterhin für euch da. Gerne könnt ihr auch telefonisch bei uns Brot vorbestellen: http://mass-greisslerei.at

https://t1p.de/12gu; Stand: 16.03.2020, 16.00

Der greissler

Der Greißler im 8. Bezirk dagegen stellt auf Abholung um. Waren können nach Vorbestellung beim Laden abgeholt werden, ein Kontakt zwischen MitarbeiterInnen und KundInnen soll unterbleiben.

Wie schon letzte Woche angedeutet, setzen wir nun eine komplette Schließung unserer Verkaufsräume durch. Das machen wir zum Schutze unserer Kundinnen und Mitarbeiterinnen.
Wir werden jedoch Bestellungen per WhatsApp und SMS unter der Nummer 👉067761615420👈 annehmen, sie für dich herrichten und dich dann benachrichtigen sobald du sie abholen kannst.
Für den Fall, dass du dein Haus nicht verlassen kannst, bieten wir dir innerhalb des 7. und 8. Bezirk eine gratis Lieferung an.

https://t1p.de/0m2t; Stand: 15.03.2020, 17.00

Lieber ohne

Das Lieber Ohne im 6. Bezirk bleibt ebenfalls geöffnet, behält sich aber verkürzte Öffnungszeiten vor.

Aus derzeitiger Sicht haben wir weiterhin normal für euch geöffnet. Also Mo-Fr 09:00 bis 19:00 Uhr. Je nachdem, wie sich die kommenden Tage entwickeln, könnte es allerdings im Laufe der nächsten Wochen zu einer Verkürzung der Öffnungszeiten kommen. Es gibt aus heutiger Sicht keine Lieferengpässe.

https://t1p.de/n7pa; Stand: 15.03.2020, 13.00

Warenhandlung Wenighofer & Wanits

Auch die Warenhandlung hat offen und kürzt die Öffnungszeiten.

Ab morgen haben wir nun geänderte Öffnungszeiten. Vorläufig von 8 – 16 Uhr.
Unser Café ist ab morgen geschlossen. Eine Konsumation bei uns ist demnach nicht mehr möglich. Coffee to go könnt ihr euch aber dennoch bei uns holen.
Wir möchten euch außerdem bitten ab morgen wenn möglich auf Bankomatzahlung umzusteigen.

https://t1p.de/d91o; Stand: 15.03.2020, 16.00

Sonnengrün

Während der Laden im 3. Bezirk offen bleibt, schließt die Filiale in Wien II. Die Öffnungszeiten sind eingeschränkt.

Sonnengrün, als Anbieter von Reinigungs- und Hygieneartikel, bleibt bis auf Weiteres geöffnet, schränkt aber seine Öffnungszeiten ein. Zudem ist ausschließlich das Geschäft im 3. Bezirk, Rochusgasse 19 geöffnet. Das Geschäftslokal im 2. Bezirk bleibt geschlossen. Die Öffnungszeiten sind bis auf Weiteres Montag – Freitag, 10.00 – 14.00 Uhr. Sollte sich die aktuelle Situation ändern, werden die Öffnungszeiten entsprechend angepasst.

https://www.sonnengruen.com/sonnengruen-eingeschraenkte-oeffnungszeiten; Stand: 17.03.2020, 11.00

Füllbar

Die Füllbar im 7. Bezirk versorgt weiterhin mit Hygieneartikeln.

Nahversorgung mit den notwendigsten Produkten zum aufrecht erhalten der täglichen Hygiene. Seife, Waschmittel, Putzmittel, WC-Papier. Noch gelten die üblichen Öffnungszeiten. Ihr müsst nicht auf Plastikfreiheit und gute, ökologische, nachfüllbare Produkte verzichten! Eine Alternative zu den großen Drogerien.

https://t1p.de/sp2n; Stand: 17.03.2020, 17.00

Die Wiener Märkte

Das Marktamt hat bereits vergangene Woche verschiedene Märkte abgesagt, davon sind allerdings die 22 Lebensmittelmärkte nicht betroffen. Diese werden als wichtiger Bestandteil für die Nahversorgung der Stadt angesehen und daher nicht geschlossen.

Die Lebensmittel-Stände auf den Wiener Märkten sowie Tabakfachgeschäfte, Zeitungskioske und AnbieterInnen von Notfall-Dienstleitungen bleiben geöffnet.

Das gastronomische Angebot wird ab Montag, 16. März 2020, 15 Uhr, bis auf Weiteres eingestellt.

https://www.wien.gv.at/kontakte/ma59/; Stand: 16.03.2020, 17.00

Bio-Kistl

Adamah

Das Adamah Biokistl hat mit 16.03.2020 Aufnahmestopp und nimmt keine neuen Kunden an.

 Doch nun sind unsere Kapazitäten erreicht und wir müssen schweren Herzens bekanntgeben, dass wir derzeit keine neuen KundInnen mehr aufnehmen können. Alle bestehenden Kundinnen werden wir mit vollstem Einsatz und großer Motivation weiterhin beliefern!

https://t1p.de/eydb; Stand: 16.03.2020, 17.00

BioMitter

… hat sich bisher nicht dezidiert geäußert, insofern gehe ich von einer normalen Abwicklung aus.

bio-Igel

Auch dieses Kisterl kommt bis an Eure Tür

die aktuellen Ereignisse rund um die SARS-CoV-2 Verbreitung und die damit verbundenen Einschränkungen gehen auch an uns nicht spurlos vorüber. Allerdings die gute Nachricht vorweg: Eine Auslieferung der Biokistln ist derzeit uneingeschränkt möglich. Unserer MitarbeiterInnen sind alle wohlauf und eifrig damit beschäftigt eure Bestellungen für die kommenden Tage vorzubereiten.

https://www.bioigel.at/, Stand: 16.03.2020, Stand 17.00

Bio-Schatzkistl

… hat mit 19.03 die Aufnahme von neukunden eingestellt und beliefert nur noch Bestandskunden.

Aufgrund eingeschränkter Kapazitäten können wir vorerst nur bestehende Kunden versorgen und derzeit KEINE NEUKUNDEN aufnehmen. Wir bitten um Verständnis und ersuchen alle Interessenten um etwas Geduld!

https://www.bioschatzkistl.at/, Stand 19.03.2020, 16.00

Alles in Allem: Bleibt genug Auswahl.
Stay safe und stay home.

Das Hinterland Wiens

Foto 1 – Sonnenuntergang im Durmitor Nationalpark

Man möge mir diese, geopolitisch heikle, verbale Landnahme nachsehen. Denn es geht nicht, wie sich der eine oder die andere nun vielleicht denkt, um den Wienerwald oder das Marchfeld, sondern um den einstigen Teil der k. und k. Monarchie zwischen Adria und Eisernem Tor dessen Hauptstadt auch Wien war. Als mittlerweile zwölfjähriger Wahlwiener finde ich, dass es für solche sowie die „echten“ Wiener (sofern es diese überhaupt gibt) zur Allgemeinbildung gehören könnte sich mit den historischen, kulturellen und politischen Gegebenheiten der geographischen Region in der man lebt auseinanderzusetzen. Und das soll jetzt keineswegs ausschließlich aus einer antiquierten Weltanschauung geschehen, um die gute alte Zeit des Kaisers hochleben zu lassen. Derzeit leben etwa 300.000 Menschen aus Ex-Jugoslawien in Österreich. Dies stellt mit über 3% die mit Abstand größte Gruppe an Nicht-Österreichern dar. Und hier sind lediglich die nicht bereits eingebürgerten Personen angeführt. [1] Für Wien sind es fast 7,5%. [2]
Nehmen wir nur mal überschlagsmäßig an, dass innerhalb der letzten 100 Jahren bereits genauso viele Menschen aus diesem geographischen Raum in das heutige Österreich gekommen sind und nun als Österreicher dort leben. [3] Dann wären in Summe 6-7% aller heute in Österreich lebenden Menschen aus dem Gebiet Ex-Jugoslawiens (für Wien 15%). Da kann man auch heute einen Bezug zwischen Österreich und Ex-Jugoslawien nicht leugnen.
Man könnte natürlich entgegnen, dass die Monarchie und auch die Balkankriege lange her sind und sowieso ist der Balkan so weit weg und der Rest der Bevölkerung sind ja ohnehin waschechte Österreicher. Da reicht es sich mit den eigenen Problemen zu beschäftigen. Mag alles stimmen. Aber nochmal zum Thema „weit weg“. Eine meiner ersten Lektionen in Kartographie auf der Uni die nachhaltig hängen geblieben ist war zum Thema Mental Maps. Es wurde die Frage gestellt: „Was glaubt Ihr liegt näher an Wien – Zagreb oder München?“ Und was glaubt jetzt Ihr, war die einschlägige Meinung der Studierenden? „Ganz klar München!“ Genau das sind nämlich nur 355 km Luftlinie. Und nach Zagreb sind es immerhin 268 km.

Moment mal – wer hätte das gedacht, nach München ist die Entfernung um 32% größer. Gründe für diese subjektive Verzerrung würden mir genug einfallen, um nicht zu sehr abzuschweifen sei es bei dem Denkanstoß belassen.

Maria und Flo auf großer Fahrt

Und dann kommen wir in unserem Sommerurlaub daher – eh schon top informiert, da belesen sowie politisch und historisch interessiert – um unsere Kenntnisse vor Ort etwas aufzupolieren. In Form einer zweiwöchigen Balkanreise. Anreise über das Binnenland, Wandern in den Bergen Montenegros und zum gemütlichen Ausklang etwas Baden in Kroatien.

Alles läuft nach Plan. Der erste Stop ist das ungarische Pécs. Eine wunderschöne Stadt, der man ihren deutschen Namen Fünfkirchen deutlich ansieht.

Foto 2 – Blick auf die Basilika von Pécs

Das Verlassen des Schengen-Raums verläuft auch reibungslos, Kroatien kennt man ja wenigstens schon vom Badeurlaub. Doch dann naht bereits die große Erkenntnis noch ehe wir den Grenzposten nach Bosnien und Herzegowina erblicken können. Wir sind 360 km weit weg von Wien und haben keinen blassen Schimmer mehr wie man hier lebt! Die ethnischen Spannungen sind uns zwar bekannt und wir wollen nicht versehentlich in Fettnäpfchen treten. Also was für eine Sprache Sprechen die Leute in Bosnien und Herzegowina? Sind sie sauer, wenn wir ein kroatisches „dobar dan“ raushauen? Es sollte zehn weitere Tage und einen tollen Stadtführer benötigen, um zu erfahren, dass serbo-kroatisch auch in Bosnien gesprochen wird – und zwar nicht in „ethnischen“, sondern regionalen Dialekten.

Das alles ist Südslawien

Das war also das erste Aha-Erlebnis und es sollten noch viele weitere folgen. Wir hätten niemals gedacht, die steilste Straße unseres Lebens im Stadtgebiet von Sarajevo zu fahren. Eine Straße mit 100% Steigung und ca. 3 m Breite trifft auf einen Camping Bus – kein wirkliches Vergnügen. Dafür schätzten wir uns umso glücklicher zufällig mitten in der ersten Pride Parade des Landes zu landen. Nachdem wir zuvor schon das Schlimmste befürchtet hatten, da die gesamte Innenstadt an jeder Kreuzung von schwer bewaffnetem Militär kontrolliert wurde und keiner wusste was los ist.

Foto 3 – Die alten und die neuen Zeiten – Regenbogenschirm trifft Einschusslöcher

Nach diesem kulturell intensiven Zwischenstop ging es dann weiter in den Durmitor Nationalpark Montenegros. Eine traufhafte Mischung aus alpinen Hochalmen und skandinavischem Fjäll. Der feuchte Traum eines jeden Geographen. So viele spannende Gesteinsformationen und Landschaftsformen, dass ich lieber gar nicht erst anfange…

Der Nationalpark wirkt sehr gut organisiert, trotz vieler Tagestouristen noch nicht überlaufen (wenn man den Crno Jezero zur besten Zeit meidet) und sehr sauber. Er wurde 1952 gegründet, lange vor den Nationalparks Bayerischer Wald oder Hohe Tauern. [4] Den mit 2.522 m höchsten Gipfel des Gebirges, den Bobotov Kuk, haben wir natürlich mitgenommen. [5]

Mit eingebunden in diesen Nationalpark ist die Tara Schlucht, mit teilweise über 1.300 m die tiefste Europas. [6]

Unser nächster Wanderstop wurde im Prokletije-Gebirge (zu Deutsch Verwunschene Berge – oder auch Albanische Alpen genannt) eingelegt. Dessen höchster Gipfel Jezerca (2.694 m) stellt auch den höchsten Gipfel des Dinarischen Gebirges dar. [7] In diesem Gebirgsstock treffen die Länder Montenegro, Albanien und Kosovo aufeinander. Unter Mithilfe des Deutschen Alpenvereins wurde hier ein nationenverbindender Rundwanderweg errichtet, der sich bereits recht großer Beliebtheit erfreut. Landschaftlich ganz ähnlich wie im Durmitor und doch so anders. Die mächtigen Kalkstöcke werden vor allem auf montenegrinischer Seite durch sehr sanfte Bergformen unterbrochen, denen ein anderes Ausgangsgestein zugrunde liegt. Wir haben unsere Tour von Vusanje (Montenegro) gestartet und sind nur ganz kurz über die grüne Grenze nach Albanien herüber gegangen.

Eine Einladung zum Tee von zwei kernigen, älteren Damen ins Tal auf die albanische Seite mussten wir leider ausschlagen, da wir weder Schlafsäcke noch Pässe dabei hatten. Wieder zurück in „unserem“ Tal sieht man jedoch ganz deutlich anhand der Flaggen an den Häusern und an Grafittis, dass auch hier auf montenegrinischer Seite ethnische Albaner leben. Dies betrifft allerdings nur dieses kleine Seitental von Vusanje nach Gusinje. In diesem Tal ist uns das erste Mal eine starke Vermüllung der Landschaft aufgefallen. Ob das ethnisch-kulturelle, politische oder andere Gründe hat, können wir nur vermuten.

Damit war die Erkundung der Dinarischen Bergwelten für diese Reise abgeschlossen. Nach einer Mittagspause am Skutarisee ging es weiter an die Mittelmeerküste Montenegros. Dieser Wechsel der Szenerie war in allen Belangen eine andere Welt. Da waren sie auf einmal, die Bettenburgen, die Menschenmassen, die schicken Leute. Auch auf den Campingplätzen merkt man einen deutlichen Unterschied zu davor. Es ist anonymer, die netten Gespräche mit den Nachbarn werden weniger, die Leute sind älter, die hauptsächlich deutschen Urlauber verhalten sich endlich entsprechend der Clichés deutscher Camper. Den Badeort Bečići haben wir sehr schnell wieder hinter uns gelassen. Zwar ist er sehr schön in einer Bucht gelegen, aber der enorme Durchgangsverkehr, die vielen Luxushotels mit ihren Privatstränden haben uns nicht länger zum Verweilen eingeladen. Auffällig war hier die hohe Zahl an russischen und serbischen Pkw. Die weiteren von uns besuchten Küstenorte in Kroatien waren zwar auch Mitte September noch gut besucht, aber dennoch ein paar Nummern entspannter.

Ein dunkles Kapitel europäischer Zeitgeschichte

Relativ spontan haben wir unsere Küstentour nochmals unterbrochen und haben einen Abstecher nach Mostar, dem Hauptort Herzegowinas, gemacht. Das sollte sich in vielerlei Hinsicht als sehr gute Entscheidung herausstellen. Bei der Einfahrt in die Stadt habe ich es endlich geschafft nach jahrelangem Suchen eine Kupferkanne mit einem halben Liter Fassungsvermögen zum Kochen von Mokka zu ergattern. Nur um später festzustellen, dass man diese in der Innenstadt an jeder Ecke hinterhergeschmissen bekommt. Kaum waren wir zu Fuß in der Altstadt unterwegs, da liefen wir zwei bekannten Gesichtern in die Arme. Unsere Welpenknuddel-Kollegen aus dem Durmitor Nationalpark.

Foto 32 – Für zwei Tage unsere Reisebegleitung – Lena und Bo

Kurzerhand wurden wir überzeugt uns an die jetzt startende Stadtführung [8] dranzuhängen. Obwohl der Guide diese Touren erst seit einem knappen Jahr anbietet verstand er es einen perfekten Spannungsbogen aufzubauen. Erst zeigte er uns die schönen Seiten der Altstadt mit den kulturellen und architektonischen Sehenswürdigkeiten.

Ehe wir uns jedoch versahen waren wir in einer knallharten Geschichtsstunde über die Stadt Mostar und die politischen Ereignisse der letzten Jahrhunderte in der Region. Besonders der Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 nahm viel Raum ein. So lange her und doch noch allgegenwärtig, wie bereits auf Foto 3 zu sehen ist. Wir erhielten hier Informationen aus erster Hand, da unser Guide selbst auf bosniakischer Seite kämpfen musste. Zuerst kämpften Bosniaken und Kroaten noch gemeinsam gegen die, aus Belgrad aufgerüsteten, serbischen Einheiten. Deren Anführer Ratko Mladić erlangte durch das von ihm zu verantwortende Massaker von Srebrenica traurige Berühmtheit. [9] Ab 1993 eskalierte auch die Spannung zwischen Kroaten (welche aus Zagreb Unterstützung erfuhren) und Bosniaken (von einigen muslimischen Ländern mit Kleinwaffen unterstützt). [10] [11] Von der internationalen Gemeinschaft wurde der Krieg großteils ignoriert. Die Stadt Mostar wurde entlang der M6.1 in eine westliche, kroatische und eine östliche, bosniakische Seite geteilt.

Noch heute ist es so, dass Unfallpatienten östlich der M6.1 trotz unmittelbarer Nähe zum zentral gelegenen Krankenhaus der Weststadt dennoch in das viele Kilometer entfernt gelegene, im Ostteil der Stadt gelegene Krankenhaus gebracht werden. Mit diesem Hintergrundwissen werden die Zeichen der noch immer gegenwärtigen Teilung und der gegenseitigen Provokationen auf einmal sichtbar. Das gigantische Kreuz auf dem Gipfel des Hausbergs vom Westteil der Stadt, die vielen Nationalflaggen, die beschmierten Straßenschilder. Unser Guide meinte, dass die junge Generation, die den Krieg überhaupt nicht mehr miterlebt hat, nationalistischer sei als die Alten. Die Jungen haben die dunkle Seite des Konflikts nicht miterlebt, aber in ihren Familien und im Freundeskreis den Hass und die Ressentiments aufgesaugt und angenommen.

Der Schmerz und die Verbitterung über den Niedergang seines Landes ist unserem Guide deutlich anzuhören. Dabei meint er, dass die ethnischen Merkmale, die als Anlass des Konflikts dienten überhaupt keine Alltagsrelevanz haben, beziehungsweise gar nicht vorhanden sind. Er selbst als bosniakischer Muslim geboren sagt, dass die Religion für ihn und viele andere Einwohner Bosnien und Herzegowinas (egal ob römisch katholisch, muslimisch oder serbisch orthodox) eine sehr geringe Rolle spielt. Am Dialekt kann man die Menschen höchstens regional, nicht jedoch ethnisch zuordnen. Das einzige wirklich eindeutige Merkmal zur Zuordnung zu einer Ethnie ist der Nachname.

Nachdem der Konflikt beigelegt wurde blieb ein politisches System zurück, dass peinlichst auf die gleichberechtigte Repräsentation aller drei ethnischen Gruppen bedacht war. Was aber zur Folge hat, dass das Staatsoberhaupt und die Minister innerhalb eines Jahres rotiert werden. Dadurch ist es schier unmöglich Veränderungsprozesse in Gang zu bringen, da nie Zeit vorhanden ist Gesetze vorzubereiten und einzubringen. Ihr übriges tut die allgegenwärtige Korruption. Das politische System in Bosnien und Herzegowina wird auch als kompliziertestes Regierungssystem der Welt bezeichnet. [12]

In Anbetracht dieser jüngsten Geschichte ist es ein Wunder wie schön die Altstadt von Mostar wieder aufgebaut wurde. Aber auch nur logisch, da die Altstadt, um wieder UNESCO Weltkulturerbe zu sein, originalgetreu aufgebaut werden musste. Und dieser Status bringt viele Touristen in die Stadt und diese bringen gutes Geld und Arbeitsplätze. Ein weiteres Spannungsfeld ist der Fakt, dass die Altstadt ausschließlich auf bosniakischer Seite ist. Für viele ethnische Kroaten ist die M6.1 noch immer das Ende der Stadt und die Leute im Westen der Stadt haben nichts vom Aufblühen des Tourismus.

Gemütlicher Ausklang

Eigentlich wollten wir ja die ganze Tour machen, um endlich mal die Plitvicer Seen anzuschauen. Da wir aber schon viel davon gehört haben wie überlaufen diese Attraktion ist entschlossen wir uns kurzerhand dazu diesen Punkt auf der Liste sausen zu lassen und uns stattdessen die Kravica Wasserfälle einige Kilometer südlich von Mostar anzuschauen.

Wir haben jetzt zwar keinen Vergleich, aber wir sind mit unserer Entscheidung recht zufrieden.
Unsere letzte Station war der Paklenica Nationalpark. Hier kann man wandern, klettern, bouldern, radfahren und im nah gelegenen Meer baden. Und das wichtigste, hier trieb auch schon Winnetou sein unwesen. Somit schließen wir unseren Urlaub mit einem typisch deutschem Jugoslawien-Bild ab. Winnetou, Baden, Sliwowitz. Aber die Länder des ehemaligen Jugoslawiens haben so viel mehr zu bieten…

Ich wünsche eine gute Nacht
Flo

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/293019/umfrage/auslaender-in-oesterreich-nach-staatsangehoerigkeit/
[2] https://www.wien.gv.at/statistik/bevoelkerung/tabellen/bevoelkerung-staat-geschl-zr.html
[3] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/300338/umfrage/einbuergerungsrate-in-oesterreich/
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Nationalparks
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Bobotov_Kuk
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Tara_(Drina)
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Dinarisches_Gebirge
[8] https://www.mostarfreewalkingtours.com/
[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Ratko_Mladi%C4%87
[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Kroatisch-bosniakischer_Krieg
[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Bosnienkrieg
[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Bosnien_und_Herzegowina#Politisches_System

Nicht referenzierte konkrete Zahlen und Fakten wurden in persönlichen Gesprächen erlangt, vor allem mit [7]


Schneeschuhwandern in der Hohen Tatra

Warum eigentlich immer die Alpen?

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Foto 1 – Blick auf den Hauptkamm der Hohen Tatra im Kleinen Kalten Tal

Es ist schon auffällig wie präsent der ehemalige Eiserne Vorhang im Reiseverhalten des durchschnittlichen Mitteleuropäers noch immer ist. Das habe ich noch nie verstanden. Seitdem ich in Wien lebe fühle ich mich zu den östlichen Nachbarstaaten Österreichs hingezogen. Dies hat, denke ich, mehrere Gründe. In meinem Heimatort war eher die räumliche Nähe zu Frankreich, Italien oder der Schweiz gegeben. Bei Besuchen meiner Großeltern an der Ostsee war Skandinavien nicht weit. Einzig 1995 bin ich mit meinen Eltern einmal einen Tag in Eger (Tschechien) gewesen. Daher ist der Osten für mich die große Unbekannte gewesen. Auch der Lebensalltag und das Erscheinungsbild der Städte, geprägt durch Jahrzehnte des Kommunismus, sind hier gefühlt immer noch ganz anders. Auch wenn die internationalen Trends und das Internet die Unterschiede verschwimmen lassen, manchmal reicht es schon einen alten Lada zu sehen oder eine slawische Sprache zu hören, um den Hauch Ostalgie zu spüren.
Ein weiterer Reiz ist das Zurücklassen der heimischen Touristenströme. Auch wenn wir bald merken sollten, dass für Slowaken und Polen die Tatra, als einzig verfügbares Hochgebirge in der Region, natürlich Dreh- und Angelpunkt des dortigen Wintertourismus ist.
Und zu guter Letzt – ich will diesen Anreiz gar nicht leugnen – hat das Reisen in Richtung Osten meist den Vorteil günstiger zu sein als in der Heimat.

Die Anreise

Einmal täglich verkehrt zwischen Wien und Košice ein IC, der für die Strecke von knapp 500 km sechs Stunden benötigt. Zwei Stationen zuvor ist man in Poprad, dem slowakischen Hauptort der Region am südlichen Fuße der Hohen Tatra. Nördlich des Gebirgsstocks befindet sich Zakopane, welches der Hauptort des polnischen Teils der Region ist.
Aufgrund der günstigeren öffentlichen Anbindung entschieden wir uns für die slowakische Seite. Die Fahrzeit nach Poprad betrug noch knapp fünf Stunden und war recht kurzweilig und ohne Zwischenfälle. Da es bei der Ankunft bereits dunkel war haben wir nur noch eine kurze Runde durch die Stadt gedreht und unsere, dicht am Bahnhof gelegene, Unterkunft bezogen. Am nächsten Tag nahmen wir den Regionalzug nach Starý Smokovec, dem besten Ausgangspunkt für eine Tour in die Berge. Und das merkten wir auch sofort. Bereits der Zug dorthin war vollkommen überfüllt, genauso wie der Ort selbst. Ich war mal wieder naiv gewesen. In der Hoffnung die überlaufenen Alpen gegen die unberührte und wilde Tatra zu tauschen und etwas Erholung von den Menschenmassen der Großstadt zu erlangen fanden wir uns nun im Gänsemarsch den Berg hinauf wieder. Auch das Passieren der Bergstation der Zahnradbahn tat dem Menschenstrom keinen Abbruch. Und so ergaben wir uns unserem Schicksal und reihten uns ein in Richtung Zamkovského chata, der Berghütte bei der wir zwei Übernachtungen gebucht hatten.

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Foto 2 – Der Blick vom Eingang unserer Hütte

Bei der Planung der Tour habe ich mir gedacht, dass das eine tolle Gelegenheit wäre etwas Übung im Umgang mit Schneeschuhen zu bekommen. Einen Monat später stand der Winterteil der Ausbildung zum Bergwanderführer an. Die gute Idee erwies sich in der Praxis als überflüssig bis hinderlich, da der Weg bereits so ausgetreten war, dass die großen Schneeschuhe eher ein Klotz am Bein waren. Die anderen Leute waren eher mit leichten Sportschuhen oder maximal mit Spikes oder Grödel unterwegs. Es bewahrheitete sich offenbar das Vorurteil, dass Osteuropäer nicht zimperlich sind und auch in Sachen Sicherheit etwas lässiger unterwegs sind. Als wir vorbeikommenden Wanderern erklärten, dass wir unsere LVS-Ausrüstung testen, ob alles in Ordnung ist, bekamen wir ein gemütliches „don’t worry, it will work fine“ entgegnet.

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Foto 3 – Check der LVS-Ausrüstung

Bei der Hütte angekommen waren wir mehr als entzückt. Eine wahnsinnig urige Hütte, superschön am Waldrand gelegen. Derzeit allerdings noch so überfüllt, dass man kaum zur Türe herein kam. Das Matratzenlager unter dem Dach war allerdings nur von uns und einem einzelnen Wanderer belegt. Dieser lud uns sogleich dazu ein mit ihm eine Flasche des typisch slowakischen Borovička zu leeren. Das taten wir gerne. So gestärkt wankten wir wieder nach unten in den Speisesaal, hier war nach Abreise der Tagesgäste Ruhe eingekehrt und es wurde ein sehr gemütlicher Abend.

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Foto 4 – „Unsere“ Hütte

Eine knackige Tagestour bei Kaiserwetter

Am nächsten morgen bemerkten wir, dass es in der Nacht ordentlich geschneit hatte und die Schneedecke auch hier auf halber Höhe bereits mehr als einen Meter betrug. Die Wolken hatten sich glücklicherweise bereits verzogen und so starteten wir hochmotiviert bei strahlendem Sonnenschein in Richtung Malá Studená dolina (zu deutsch Kleines Kaltes Tal).

Abbildung 1 – Unsere Tourdaten, der schwarze Punkt in der Mitte des Tracks ist unsere Hütte zum Übernachten – Quelle: www. alltrails.com

Endlich waren die Schneeschuhe bei der frischen, unberührten Schneedecke von Vorteil. Einige Leute ohne Ski oder Schneeschuhe kamen uns bereits entgegen, da ihnen der Schnee mit normalen Schuhen zu tief war. Man merkte auch, dass generell deutlich weniger Menschen so weit in die Berge hinein gehen. Uns nun waren die Leute auch tendenziell alle gut ausgerüstet. Am Ende des Tals, beim Aufstieg in Richtung Hauptkamm lernten wir jedoch unsere nächste wichtige Lektion. Für Ebenen und leichte Steigungen sind Schneeschuhe super, für steile Anstiege jenseits der 20° sind sie eine Quälerei. Uns so mühten wir uns den etwa 30-40° steilen Berghang hinauf. Mal Folgten wir den viel zu kleinen Schuhtritten der Vorgänger (Profis nehmen Wanderschuhe mit Steigeisen oder gleich lieber Ski) dann kreutzten wir wieder, um etwas flacher gehen zu können.

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Foto 5 – Ab jetzt gehen wir steil

Bei beidem kamen wir uns gleichmaßen dämlich vor, dennoch erreichten wir relativ zügig die Téryho chata. Hier kehrten wir ein und beschlossen, dass wir uns für heute genug gequält haben. Mit Sicherheit die beste Entscheidung, zumal aus dem Tal mittlerweile dicker Nebel aufzog.

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Foto 6 – Der Blick von oben ins Kleine Kalte Tal

Der Abstieg war dafür sehr flott und spaßig, da wir versuchten unsere Schneeschuhe und unsere Hintern als Rutschfläche zu missbrauchen.
Ziemlich erledigt und ausgehungert fielen wir in der Zamkovského chata ein. Hier verabschiedeten sich bereits allmählich wieder die Tagesgäste. Doch inzwischen waren die Zimmer und das Matratzenlager recht gut ausgelastet und so lernten wir einige weitere nette Leute kennen.

Auf bald

Am nächsten Tag mussten wir leider schon wieder unsere Sachen packen. Gemeinsam mit zwei Bettnachbarn machten wir uns auf den Weg ins Tal. Am Berg war wieder Sonnenschein pur. Im Tal konnten wir hingegen bereits wieder Nebel aufziehen sehen.

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Foto 7 – Blick nach Süden in Richtung Niedere Tatra

Wenn man nicht im Nebel drin steckt ist das eine schöne Sache. Wir mussten trotzdem genau dorthin. Wir übernachteten noch einmal in Poprad, diesmal in einer Pension die, zwischen einer Autowerkstatt und einer Fabrikhalle gelegen, einen eher spröden Charme versprühte. Aber für die Nacht war es recht und am nächsten Morgen konnten wir uns wieder gemütlich in den IC nach Wien setzen. Eines weiß ich sicher, ich möchte wiederkommen. Vielleicht im Sommer und auch unbedingt von der polnischen Seite. Das Tal der fünf Seen soll wahnsinnig schön sein. Oder endlich mal nach Košice und weiter bis in die Ukraine…

 

Viel Spaß mit dem Winter

Flo

 

Die Welt ist mein Garten

Vor allem in urbanen Räumen erfreut sich das „urban gardening“ in all seinen Facetten immer größerer Beliebtheit. So können sich die Menschen trotz Siedlungsdruck und hoher Flächenversiegelung ihre gemeinsamen grünen Oasen schaffen. Eine Ausprägung dieses Trends ist das „wilde“ Ernten von Nutzpflanzen, welche auf öffentlichen Flächen stehen.

Mundraub

Meines Wissens einzigartig im deutschsprachigen Raum ist die Website mundraub. Hier kann man anhand einer Web Map (Adaption von Open Street Map) bequem in einer gewünschten Region nach verschiedensten Nutzpflanzen ausschau halten. Dabei sind die Kategorien klar strukturiert und das Kartenbild ist optisch ansprechend und selbsterklärend (siehe Abbildung 1). [1]

Abbildung 1 – Optik von mundraub – Quelle: www.mundraub.org

Selbstverständlich kann man dieses Projekt nicht nur als Nutzer genießen, sondern auch aktiv eigene Standorte von Pflanzen verorten und beschreiben. Nach kurzer Registierung kann man seine Fundorte eintragen. Bitte hier darauf achten, dass man die betreffenden Pflanzen auch wirklich ernten darf, man das Gelände betreten darf und ob es keine sonstigen Auflagen bezüglich Ernteart, -menge und -zeitpunkt gibt (z.B. in Parkanlagen oder Gemeinschaftsgärten). Je mehr Informationen desto besser 🙂
Handelt es sich um Deine eigenen Pflanzen, die Du einträgts, so kannst Du auch eine „Aktion“ starten, um Erntehelfer zu finden oder die Ernte zu teilen.
Wenn man eingeloggt ist kann man nun zusätzlich auch noch die Standorte anderer Nutzer sehen und so in Austausch kommen.
Verwendet man ein Mobiltelefon passt sich das Kartenfenster per responsive design automatisch an eine geeignetere Darstellung an. Die etwas fummelige Kartenbedienung und die Überlagerung der Filter und der Standortsignatur können auf anderen Geräten eventuell besser sein.
Eine tolle Zusatzleistung ist auch der Erntekalender, der ganz einfach auf einer DIN A4 – Seite den optimalen Erntezeitpunkt für 22 ausgewählte Pflanzen visualisiert. [2]

Test im Gelände

Ob die Karte hält, was sie verspricht habe ich mir dann für ein paar Beispiele vor Ort angeschaut. Zuerst habe ich auf der Karte meine Umgebung abgesucht und mich für einen Pflaumenbaun entschieden.

Abbildung 2 – Auf der Suche Teil 1 – Quelle: www.mundraub.org

Und siehe da, sobald ich vor Ort angekommen war:

Abbildung 3 – Auf der Suche Teil 2 – Quelle: eigenes Photo

Bei jüngeren Bäumen kann es sein, dass man durchaus etwas suchen muss…

Wenn man sich die Detailansicht der Eintragung ansieht, stellt man fest, dass hier sogar die Stadt Wien selbst den Baum eingetragen hat. In Wien ist jeder einzelne Baum auf öffentlicher Fläche erfasst und mit einer Nummer versehen. Erfreulicheweise gibt die Stadt Wien sehr häufig dieses Wissen auch auf Mundraub weiter.

Abbildung 4 – Auf der Suche Teil 3 – Quelle: www.mundraub.org

Teilweise bereits reif waren diese leckeren Früchte, die in Österreich Kriecherl (Hochdeutsch: Hafer-Pflaume oder Kriechen-Pflaume) genannt werden:

Abbildungen 5 und 6 – Quelle: www.mundraub.org; Abbildung 7 – Quelle: eigenes Photo

Fazit

Alles in allem eine tolle Plattform, die in vielerlei Hinsicht den Gedanken der Nachhaltigkeit, das Umweltbewusstsein und Ressourcenschonung fördert, solange es die Nutzer nicht als Gratis Selbstbedienungsladen verstehen. Wünschenswert wäre noch ein Filter nach Jahreszeit, sodass man immer genau die Früchte angezeigt bekommt, die gerade Saison haben. [3] [4]

[1] http://www.mundraub.org
[2] https://www.mundraub.org/sites/default/files/inline-files/mundraub_Erntekalender.pdf
[3] https://www.smarticular.net/hier-erntest-du-fruechte-auch-ohne-eigenen-garten/
[4] https://www.chip.de/news/Obst-kostenlos-selber-pfluecken-Geniale-Karte-zeigt-wo-wilde-Obstbaeume-wachsen_121888937.html

Autarkia – Green World Tour

[Disclaimer: Dieser Beitrag enthält unbeauftragte Werbung. Wir erhalten dafür keinerlei Vergütung, sondern schreiben hier über unsere eigenen, unbeeinflussten Eindrücke!]

Ein Bericht

Spät, aber doch kommt hier ein kleiner Bericht von der Autharkia Green World Tour, welche dieses Jahr noch in München, Berlin, Hamburg, Münster, Frankfurt und Düsseldorf halt macht. In Wien war sie bereits am vergangenen Wochenende und Flo und ich waren dort, nachdem wir über Pia von thegreenwalnuts.com und zerowasteaustria.at Tickets gewonnen haben. Wir sagen nochmal Danke! Welche Stände/ Vorträge haben uns schon im Vorfeld besonders interessiert und gefallen?

Welche Stände/ Vorträge haben uns schon im Vorfeld besonders interessiert und gefallen?

Wohnwagon

Copyright: wohnwagon.at

Nachdem ich meinen Imkerkurs bei den stadtbienen mache, welche in Wien mit Wohnwagon zusammenarbeiten, war deren Stand für mich sicher auf der Liste, dazu auch deren Vortrag „Urbanes Autarkiewunder – so geht nachhaltiges Leben in der Stadt!“.

Flo und ich tendieren immer stärker in Richtung Autarkie. Vor allem was den Bereich Strom anbelangt, sammeln wir Erfahrungen und haben unseren Campingbus mit Solarpanelen ausgestattet. So richtig Ahnung haben wir zwar noch nicht, aber genau da kommt uns Wohnwagon genau richtig: die haben davon so richtig Ahnung, egal ob es um Strom oder Wasser geht!

Besonders spannend waren dabei die kleinen Ansätze, mit denen man auch in einer Stadtwohnung schon einen Unterschied machen und sein Leben nachhaltiger gestalten kann! Seien es Solarpaneele für den Balkon, Bienen für die Dachterrasse, Einrichtungen zum Energie sparen… Da waren einige Ideen dabei, welche auch uns neu waren!  Wir haben uns für weitere Infos auch das Magazin „Oskar“ zugelegt, welches ca. jährlich erscheint.

Wildling.Shoes

Das war vor allem für mich ein Thema, obwohl sich Flo auch sehr schnell anstecken hat lassen. Ich liebäugle seit einer ganzen Weile mit Barfußschuhen. Da die „Wildlinge“ aber ihren Preis haben, wollte ich sie gerne probieren. Online gibt es zwar einen Größenberater, doch der ergab für mich zwei Größen mehr, als ich normalerweise trage. Nun, das kam mir dann doch spanisch vor…

Die Wiesel im Einsatz

Umso besser, dass auch diese Firma mit einem Stand vor Ort war. Und ja, die online ermittelte Größe stimmte! Ich glaube, ich war eine ziemlich nervige Kundin, ich hab nämlich ungefähr jedes Modell durchprobiert und mich stundenlang in Fragen darüber ergangen, ob man damit laufen, Rad fahren, wandern etc. kann. Kudos an die geduldige Verkäuferin 😉

Geworden ist es schließlich ein „Wiesel“ und nach einer knappen Woche, in denen ich die Schuhe fast nicht mehr ausgezogen habe, kann ich sagen: der Preis ist gerechtfertigt und ich bin sehr froh, dass ich meinen Geiz überwunden habe! 😉 Besonders der Faktor „Wasserfestigkeit“ hat mich dazu bewogen, die Wiesel zu kaufen und nachdem ich bewusst in mehrere Wasserlacken gesprungen bin, gehe ich davon aus, dass sie bei normaler Nutzung auch dicht halten.

Wurmkiste.at

Wer uns auf Instagram folgt (oder schon Mal zu Besuch war ;)), der weiß, dass wir eine (selber gebaute) Wurmkiste unser eigen nennen. Bei der Recherche für den Bau unserer Wurmfarm bin ich natürlich über wurmkiste.at gestolpert und habe mich auch auf die Ratschläge gestützt, welche auf deren Website zu finden sind. Um einen First Hand Eindruck der professionellen Kiste zu bekommen, wollte ich mir auch deren Stand anschauen.

Wunderbare Wurmerde

Auch vor Ort kann ich die großzügige Beratung auch für nicht „wurmkiste.at-Besitzer“ wärmstens empfehlen und wir haben uns Hanfmatten für unsere Box mitgenommen. Den Fruchtfliegen-Schwärmen der letzten Zeit waren die Zeitungen, mit denen wir derzeit abdecken, nämlich nur mäßig gewachsen.

Welche Stände uns vor Ort positiv aufgefallen sind

Brigantes

Copyright: brigantes.eu

Die Idee der „Brigantes“ ist ziemlich altmodisch – und ziemlich cool! Wieso nicht den Warentransport auf Segelschiffe verlegen?! Ab Ende 2019 soll das Schiff Fracht ausliefern und z.B. in Zusammenarbeit mit Zotter Waren übers Meer transportieren. Dabei sind die alten Segelschiffe nicht nur schöner anzusehen als moderne Frachter, sondern machen den Transport von Luxusgütern wie Kaffee, Kakao und Rum wieder ökologisch. Denn auch, wenn der Weg über den Atlantik mit dem Segelschiff bis zu fünf Monate dauert, so ist es auf lange Sicht gesehen der sinnvollere Weg: der Ausstoß der 16 größten Containerschiffen entspricht dem Ausstoß des gesamten weltweiten Straßenverkehrs… Und das für Güter, die wir eigentlich gar nicht brauchen…

Lotus Belle

Copyright: dornob.com

Das war meine persönlich größte Überraschung! Denn nachdem ich den Namen „Glamping“ im Vorhinein gelesen hatte, war es bei mir persönlich vorbei…

Vor Ort war ich aber recht schnell angetan und zwar zugegebenermaßen zuerst von der Optik! 😉 Die Jurten-artigen Zelte sind je nach Ausstattung ganzjährig bewohnbar und werden aus Baumwollcanvas hergestellt. Meine Recherche hat leider nichts über die Bio-Qualität des Stoffes ergeben, insofern gehe ich davon aus, dass er aus konventioneller Produktion stammt. Da finde ich, könnte man sicher was anders machen… Dennoch, sollten die Zelte halten, was sie versprechen („Zelte fürs Leben, nicht für den Müllplatz!“) halte ich die Lotus Belle durchaus für eine Lösung, was alternativen Wohnraum anbelangt. [Edit: Ich habe eine Anfrage an das Unternehmen gestellt. Wenn ich Antwort habe, werde ich das hier natürlich aktualisieren!]

Was mir eher weniger gefallen hat

SimplyHeat

Ganz grundsätzlich gefiel mir die Idee hinter SimplyHeat sehr gut. Es handelt sich dabei um papierdünne „Heizkörper“, welche direkt in die Wand eingebaut werden und einen sehr hohen Wirkungsgrad haben. Da sie aus Carbon und einem Kupferstreifen bestehen, ist auch das Recycling des Produkts an sich möglich.

Was mir aber sauer aufgestoßen ist, war die Reaktion des Beraters auf meine Nachfrage eben bezüglich des Recyclings. Da das Produkt in die Wand eingebaut wird, ist es meiner Erfahrung nach schwierig, es bei Abriss ordnungsgemäß zu trennen und der Wiederverwertung zuzuführen. Einen solchen Einwand mit einem lapidaren „Das Erleben sie eh nicht, wenn das Haus abgerissen wird!“ abzuwürgen, finde ich höchst problematisch. Auch mein Unwille, eine Visitenkarte mitzunehmen, um Müll zu sparen, wurde eher belächelt. Da besteht Nachholbedarf!

PEFC

Noch mehr Greenwashing gab es meines Erachtens nach beim Vortrag des PEFC. Der Vortrag („Wissen Sie, welche Produkte Ihres alltäglichen Lebens aus Holz hergestellt wurden?“) hatte dann recht wenig mit seinem Titel gemein.

PEFC (Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes) beschreibt sich selber als „eine Art weltweit führender „Wald-TÜV“, seit über 17 Jahren eine nachhaltige Waldbewirtschaftung in zertifizierten Wäldern sicher. Doch was heißt nachhaltige Waldwirtschaft? Warum können Sie sich sicher sein, dass in Produkten mit dem PEFC-Siegel kein Holz aus Raubbau oder illegalen Rodungen enthalten ist?“

Und genau darüber kann man sich eben nicht sicher sein! Bereits während des Vortrags habe ich mit der Recherche begonnen, da ich mich an den Skandal zum FSC-Holz im Jahr 2018 erinnert habe. Zwar sind FSC (Forest Stewardship Council) nicht dieselben Institutionen, im Gegenteil, das PEFC stellt deutlich geringere Anforderungen als das FSC-Siegel. Daraus folgt, dass zwar sehr große Anteile der österreichischen Forste PEFC-gesiegelt sind (70%), doch die Aussagekraft ist mäßig. So werden nicht einzelne Waldbesitzer begutachtet, sondern gesamte Regionen bewertet und den Waldbesitzern dann ein vereinfachtes Verfahren mit Selbstverpflichtung auferlegt. Diese durchaus nicht unproblematischen Faktoren wurden nicht angesprochen und hinterlassen einen schalen Beigeschmack.

All in

Alles in allem ist die Autarkia eine schöne Möglichkeit, bekannte Akteure persönlich kennen zu lernen, neue Ideen und Unternehmen zu entdecken und sich mit Gleichgesinnten bei einem Glas Bio-Wein zu unterhalten.

Die Kartoffel-Krise

Der durchschnittliche Österreicher konsumiert pro Jahr 51,9 kg Kartoffeln. [1] 140 g am Tag also, das ist eine mittelgroße Frucht. Die Kartoffel ist das Lieblingsgemüse jedes 10. Bürgers [2] und dabei steht Österreich im Vergleich eher am unteren Ende der Skala, was den Verbrauch angeht: der EU-Durchschnitt liegt bei 70 kg, die Letten essen mit 126 kg pro Jahr mehr als doppelt so viele Kartoffeln wie die Österreicher. [3]

Die Kartoffel hat übrigens ein Frassloch…

Schaut man sich die Nährwerte der Kartoffeln oder Erdäpfel an, so macht ein hoher Konsum auch durchaus Sinn: sie sind kalorienarm, enthalten hochwertiges Eiweiß, sind Ballaststoffquelle und Vitaminreich. [4] Ein letzter, nicht unwesentlicher Punkt: Sie sind billig und ganzjährig verfügbar.

Preis-schock bei Pommes

Und nun der Schock! „Erdäpfel knapp: Jetzt droht Preisschock bei Pommes“, so titelt oe24.at am 23.04. Und weiter heißt es: „Jetzt droht auch noch ein Teuer-Schock bei Pommes. Die Preise ziehen längst an: Bis zu 30 Euro bekommen die Bauern für 100 kg Erdäpfeln – vor genau einem Jahr waren es noch 20 Euro. Und in den nächsten Wochen werden die allerletzten Erdäpfel aus Österreich über die Ladentische gehen. Dann ist Schluss. Grund: „Durch die Dürre letztes Jahr gab es massive Engpässe“, sagt Landwirtschaftskammer-Expertin Anita Kamptner: „Die Lücke wird mit Erdäpfeln aus Frankreich oder ­Israel gefüllt. Da kann es durch die langen Transportwege teurer werden.“ Österreichs Erdäpfel-Bauern fürchten jetzt um ihre Existenz: Denn auch der heurigen Ernte setzen Schädlinge und Trockenheit zu.“ [5]

Um auf den Umstand der Kartoffelknappheit hinzuweisen, demonstrierten am 25.04 die Kartoffelbauern am Wiener Heldenplatz und verteilten symbolisch die letzten Erdäpfel des Jahres.

70 Prozent ERnteeinbusse

Worum aber geht es eigentlich? Die extreme Trockenheit im Jahr 2018, welche sich auch dieses Jahr fortsetzt, hat, zusammen mit dem starken Drahtwurm-Befall, bis zu 70% der Ernte für den Handel unverkäuflich gemacht. So weit, so schlecht. Da Regentänze in den seltensten Fällen Erfolg versprechen, war das Ziel der Demo als weniger, für ausdauernden Niederschlag zu sorgen, als die Notzulassung von Insektiziden.

Probleme – und Lösungen?

Der Drahtwurm ist einer der größten Schädlinge im Kartoffelanbau und wie der Name schon sagt zäh und widerstandsfähig. Bei ungünstigen Lebensbedingungen ziehen sich die Würmer in tiefere Bodenschichten zurück, wo sie gerne auch über mehrere Monate ohne Nahrung bleiben können. Aus den Drahtwürmern schlüpfen nach 3 bis 5 Jahren die Saatschnellkäfer, doch sind es die Larven, welche in der Zwischenzeit den Schaden an der Kartoffel anrichten. Meist folgt ein weiteres Problem auf dem Fuße: die Fraßlöcher bieten Pilzen und Keimen einen Angriffspunkt.  Lösungen gibt es – abgesehen von Insektiziden – durchaus: So meiden die Drahtwürmer humusreiche Böden, durch intensive Bodenbearbeitung im Frühjahr und Herbst kann das Gelege gestört werden und die Beachtung der Fruchtfolge trägt ebenfalls zu einer Reduktion des Käferbefalls bei. Daneben sollen auch Ringelblume und Tagetes als Beisaat eine positive Wirkung zeigen. [6]

… und die gehörte zu den 50% der weggeworfenen Kartoffeln, bevor wir sie aus dem Müll gezogen haben.

Was all diese Lösungsansätze gemeinsam haben: sie sind zeitaufwändig. Zeit ist das Letzte, was die moderne Landwirtschaft sich nimmt und so ist die beliebteste Lösung außerhalb des Biolandbaus der Einsatz von Insektiziden. Dieser wurde in den vergangenen Jahren aber aus Umweltschutzgründen eingeschränkt  und auch der Handel bevorzugt Ware, welche ohne den Einsatz von Insektiziden hergestellt wurde. Dennoch fordern die Kartoffelbauern nun eine Notzulassung.

Damit wären sie nicht die Einzigen: Erst kürzlich wurde den Rübenbauern gewährt, die erst 2018 verbotenen, bienenschädlichen Neonicotinoide zur Saatgutbeize einzusetzen. Es ist eine Notfallzulassung, um das Saatgut vor diversen Schädlingen zu schützen. Dass das in den Boden ausgebrachte Gift auch eine Gefahr für die lebenswichtige Bodenfauna darstellt, tritt hinter den wirtschaftlichen Interessen zurück. [7] Dass es genug Studien gibt, welche zeigen, dass eine Bekämpfung des Drahtwurms mittels Insektiziden bei der Kartoffel nur wenig Erfolg bringt, scheint ebenfalls unwichtig. [8]

Rechnerischer Überschuss

Fakt ist: mengenmäßig war die Ernte im Jahr 2018 um 7% höher als die im Jahr zuvor (rund 698.000 Tonnen). Man könnte meinen, bei einem pro Kopf-Verbrauch von 52 kg pro Jahr und pro Kopf in Österreich  sollte das dennoch reichen, locker sogar (ganz Ö isst pro Jahr 456.196 Tonnen Kartoffeln, da sollte also ein Überschuss von rund 241.804 Tonnen bleiben).  Leider ist dieser Überschuss ein rein rechnerischer.

Denn wie eine Studie der ETH Zürich zeigt: „Vom Feld bis zu den Haushalten gehen bei konventionell erzeugten Speisekartoffeln 53 Prozent verloren, bei biologisch produzierten gar 55 Prozent.“ Diese Studie, welche in der Schweiz durchgeführt wurde und daher wohl nahezu eins zu eins auf den österreichischen Markt umgelegt werden kann, analysierte, welche Anteile Kartoffelernte wo verloren gehen.  

„Verluste entstehen auf allen Stufen der Wertschöpfungskette: Bis zu einem Viertel der Ernte von Speisekartoffeln bleibt bereits bei Produzenten auf der Strecke. Weitere 12 bis 24 Prozent sortieren Grosshändler aus. Lediglich ein bis drei Prozent fallen bei Detailhändlern unter den Tisch und noch immer 15 Prozent in Haushalten.“

https://www.medmix.at/die-haelfte-der-kartoffelernte-geht-verloren/

Fakt ist aber auch, dass bis zu 70% der Kartoffelernte 2018 für den Handel unverkäuflich sind. Rund 30 % des Verlustes lassen sich dabei auf den Drahtwurm zurückführen, der Rest ist „unansehnlich“.

Wie definieren wir „unverkäuflich“?

Denn theoretisch sind Erdäpfel auch noch essbar, wenn sie von Drahtwürmern angefressen wurden. In vielen Fällen verkapseln sich die Gänge und können durch Herausschneiden einfach entfernt werden, nur bei einem auf den Verbiss folgenden Befall durch Pilze und Bakterien sollte vom Verzehr abgesehen werden. Doch selbst, wenn man sämtliche vom Drahtwurm befallenen Erdäpfel herausrechnet, so ist der Rest der „unverkäuflichen“ Kartoffeln nur „unansehnlich“. Nicht schlecht, nicht verdorben, sondern zu klein, zusammengewachsen, nicht ganz oval, wie auch immer. [9, 10]

Schrumplig, voller Triebe und Frasslöcher – und wir werden sie dennoch essen. Du auch?

So undurchdacht der Ruf nach einer Notzulassung von Spritzmitteln auch klingt, so nachvollziehbar ist er dann doch: die Bauern haben schlicht und ergreifend Angst um ihren Wohlstand, was man ihnen kaum zum Vorwurf machen kann. Dennoch kann der Mehreinsatz von Insektiziden keine Lösung sein! Wir befinden uns im 6. Massenaussterben der Geschichte unseres Planeten und ursächlich dafür ist unbestreitbar der Einsatz von Giften.

Gifteinsatz oder umdenken?

Vielmehr muss ein Umdenken stattfinden: Nehmen wir Preissteigerungen von bis zu 30% eher hin als unförmige Kartoffeln, welche gar ein Frassloch haben? Nehmen wir im Austausch für makellose Ware hin, das bereits verbotene Insektizide wieder notzugelassen werden? Kann man überhaupt von einer Krise sprechen, wenn Jahr für Jahr die Hälfte der Ernte aus optischen Gründen vernichtet wird?

Offensichtlich. Aber wir können diese teils fingierte Krise aber auch nutzen und uns positionieren: Kaufen wir die angeblich unverkäuflichen, unansehnlichen Erdäpfel und setzen ein Zeichen gegen das „perfekte Produkt“! Definieren wir unverkäuflich um!

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/37703/umfrage/pro-kopf-verbrauch-von-kartoffeln-in-den-laendern-der-eu/
[2] https://derstandard.at/2000061646859/Der-Oesterreicher-liebstes-Obst-und-Gemuese
[3] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/37703/umfrage/pro-kopf-verbrauch-von-kartoffeln-in-den-laendern-der-eu/
[4] https://eatsmarter.de/ernaehrung/wie-gesund-ist/kartoffel-kalorien-und-naehrwerte
[5] https://www.oe24.at/businesslive/oesterreich/Erdaepfel-knapp-Jetzt-droht-Preisschock-bei-Pommes/377332803
[6] https://www.plantura.garden/gartentipps/pflanzenschutz/drahtwurm-erkennen-vorbeugen-bekaempfen
[7] https://www.nachrichten.at/oberoesterreich/neonics-fuer-zuckerrueben-sorgen-bei-den-imkern;art4,3117344
[8] https://www.lfl.bayern.de/ips/blattfruechte/024000/index.php
[9] https://www.tt.com/panorama/natur/14991861/duerre-und-schaedlinge-70-der-kartoffelernte-unverkaeuflich
[10] https://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/5548902/Der-Grossteil-der-Kartoffelernte-ist-unbrauchbar

Umweltpolizei im Surfurlaub

Vor der eigenen Türe kehren oder doch lieber vor der Fremden?
Gedanken eines Weltretters

Seit einigen Jahren nun bin ich um einen ressourcenschonenden und vorausschauenden Lebensstil bemüht. Als gebürtigem Schwabe kommt mir hier zugute, dass es mir selbstverständlich in die Wiege gelegt wurde, alles dankbar anzunehmen, was der Selbstgeißelung zuträglich ist. Frei nach dem inoffizillen Motto der Puritaner „Du darfst tun was Du willst, solange es Dir keinen Spaß macht“.

[1] Ist dieses Bild 1,25 Tonnen CO2 wert?

Eine meiner grundsätzlichen Problemstellungen lautet daher „Wie bringe ich einen lebensbejahenden Alltag, ohne mir zu viel zu verkneifen, und ein Streben nach Bescheidenheit und Nachhaltigkeit unter einen Hut?“ Und wo ziehe ich die Grenze? Zum Beispiel in Sachen Mobilität überlege ich mir bei fast jedem Schritt, den ich tue, was die Konsequenzen sind und welches Verkehrsmittel das ökonomischste und ökologischste ist. Zu meinem Glück erfreue ich mich recht guter Gesundheit und fahre auch noch sehr gerne Rad. Im Alltag ist das eine tolle Sache, da ich mich so fit halten kann, mich fast klimaneutral bewege und mich in keinen Stau stellen muss. Nach langem Ringen habe ich nun im Februar einen Flug nach Marokko für 11 Tage gebucht. Da kann ich lange radeln, bis ich den Ausreißer wieder ausgebügelt habe!

Irgendwie kommt man echt ins Grübeln, ob man sich als ein Depp unter 1.000 jetzt doch lieber so etwas verkneifen soll, während 999 andere hemmungslos dem Urlaubsexzess frönen. Oder sollte ich mich einfach mal locker machen und das Geschenk, in einem der reichsten Länder der Welt zu leben, annehmen und die Vorzüge des Lebens genießen?

Hemmungsloser urlaubsexzess – will ich das auch?

Nun, da ich die Tickets schon gebucht hatte und die Reise auch angetreten habe, habe ich mich dann doch lieber für Letzteres entschieden. Unterm Strich lebe ich immer noch nachhaltiger als 99% aller anderen Menschen – zumindest hab ich das mal bei einem CO2-Rechner herausbekommen… oder so ähnlich… oder war es doch nur nachhaltiger als 70% aller Europäer? Trotzdem perfekt – da kann ich immer noch mahnend meinen Zeigefinger heben  und an die Leute appellieren, doch endlich zur Besinnung zu kommen! Vor allem wenn man sich mal andere Kulturen anschaut: In was für einem Dreck zum Beispiel die Afrikaner leben. Genau das habe ich mir nun etwas genauer angeschaut. Nach geglückter Landung in Agadir konnte ich gleich mit meiner Weltverbesserungs-Kolonialisierung beginnen.

Nach einer etwa einstündigen Anreise haben meine Freunde und ich unser Ziel mit einem recht hübschen Surf- und Badeort erreicht. Die Lage direkt am Strand und der freie Blick auf den Atlantik sind schon recht vielversprechend. Der Ort selbst macht einen recht quirligen Eindruck. Neben den zahlreichen Touristen geben auch die Einheimischen ein recht buntes Bild ab. Alles wirkt beschaulich, ein Ort wo man die Seele baumeln lassen kann. Zudem sind die Preise niedrig und das Essen der Restaurants lecker. Dazu eine kühle Cola, das Leben könnte nicht schöner sein. Nachdem ich in der zweiten Nacht unfreiwillig eine ausgiebige Inspektion der Zimmertoilette vorgenommen hatte, musste ich in Sachen Surfen leider etwas kürzer treten. Uns wurde gesagt, dass der Strand an dem wir surfen waren genau in der Strömung der ganzen Abwässer liegt, die hier ungeklärt ins Meer laufen. Toll!

Müll in der Natur – WElche Überraschung!

Um nicht nur auf dem Zimmer zu sitzen, entschloss ich mich nach einem Ruhetag ein wenig die Hügelketten in der Umgebung auszukundschaften. Ich folgte dem ausgetrockneten Bachbett von der Mündung ins Hinterland – und  sieh‘ an, da liegt ja meine Coladose von vorgestern. Und daneben dutzende derer Brüdern und Schwestern. Hoppla, was ich die Tage zuvor so aus dem Augenwinkel halb wahrgenommen hatte, schlug jetzt mit voller Wucht auf mich ein. Hier liegt ja alles voller Müll (Foto 2). Hauptsächlich Plastik und Dosen. Was sind das nur für abscheuliche Schmutzfinken in diesem Ort!

[2] Mülldeponie Bachbett

Ich folge dem Bachbett eine ganze Weile, danach gehe ich ein Stück entlang einer Landstraße. Doch hinsichtlich Müll ändert sich das Bild nur wenig. Was mich wirklich interessieren würde, ob diese Dinge den Menschen vor Ort egal sind, ob sie andere Probleme haben, ob sie es vielleicht gar nicht sehen oder sich einfach nur machtlos fühlen, weil es von staatlicher Seite zu wenig Unterstützung gibt?

[3] Da bekommt Straßen-Bankett eine ganz neue Bedeutung

Zurück in der Heimat habe ich dann auch mal versucht, mich in dieser Hinsicht mit offenen Augen zu bewegen. Und mir sind auf einmal viele Orte aufgefallen, die total zugemüllt sind. Also brauchen wir uns eigentlich gar nicht so überlegen fühlen. Noch vor 30-40 Jahren haben, wie es viele ältere Menschen berichten, unsere Flüsse geschäumt. Offensichtlich muss der Leidensdruck erst hoch genug sein, damit man Gegenmaßnahmen ergreift. Und man muss sie sich leisten können. Momentan werden die Leute vielerorts mit ihren Problemen einfach im Stich gelassen. Vielleicht sind sie auch überfordert mit dem rasanten Wandel von einem ursprünglichen Lebensstil mit fast ausschließlich organischen Abfällen hin zu Single Use Plastic. Entsorgt wird wie eh und je, nur verrottet das moderne Gerümpel leider nicht.

[4] Die Ziegen stört der Müll weniger…

Und wo liegt nun der Kern des Problems? Die globalisierte Konsumgesellschaft? Die Gleichgültigkeit der Konsumenten? Die mangelnden Alternativen der Konsumenten? Die Konzentration von Konsum und Menschen auf einige Hotspots? Bin ich in meinem konkreten Fall als Tourist in Marokko in einer Masse aus sehr vielen Touristen nicht hochgradig Teil des Problems? In anderen Teilen des Landes, die dünner besiedelt und auch weniger touristisch sind, ist dieses Problem deutlich kleiner (soweit ich das im Rahmen meines doch nur beschränkten Einblickes beurteilen kann). Die Situation in Marokkos Surfspots dürfte sich in Zukunft weiter verschärfen. Neubaugebiete in Strandnähe gibt es bereits ohne Ende (siehe Foto 5).

[5] Neubaugebiete nahe Agadir

Und sind die Touristen nicht gleichzeitig auch eine Chance? Im Sinne eines Anlasses für die Gäste sich nur von seiner schönsten Seite zu zeigen und somit auch selbst davon zu profitieren. Und was habe ich jetzt erreicht außer noch mehr Ratlosigkeit bei mir selbst und vielleicht auch bei Euch?

Bildet Reisen denn?!

Als Geograph und allgemein an Vielem interessierter Mensch bin ich überzeugt davon, dass Reisen bildet und sehr wichtig sein kann. Nicht für jeden, aber für mich auf jeden Fall. Aber wenn das sehr viele Menschen mehrmals im Jahr tun wollen, verpufft dieser Effekt des Kennenlernens anderer Kultur- und Naturräume durch die Schneise der Verwüstung die der globale Touristenstrom hinterlässt. Wenn wir dieses Allgemeingut des „freien Wegerechts“ rationieren müssen, wer hat dann wie oft das „Recht“ darauf sich frei zu bewegen?

[6] Auch vor der Wüste macht das Problem nicht halt.

Ich möchte hier nun noch ganz deutlich betonen, dass ich niemandem Vorschriften machen möchte. Ich hoffe das ist durch meinen selbstkritischen und selbstironischen Anfang deutlich geworden. Jeder Mensch hat seine eigenen Grenzen, seine Laster und Dinge, die ihm wichtig sind.

Versuchen wir nicht gegenseitig, an uns die wunden Punkte zu finden, an denen wir vielleicht ohnehin gerade noch arbeiten möchten oder welche wir bewusst in Kauf nehmen, sondern freuen wir uns lieber über jeden Menschen, der für sich und für alle Anderen sein Leben besser gestalten möchte.

Unterstützen und ermutigen wir uns gegenseitig, gemeinsam für eine bessere Zukunft zu kämpfen! Und lassen wir uns nicht unterkriegen von all dem Unglück und den Ungerechtigkeiten in der Welt. Nutzen wir unser Geschenk in einem der sichersten und wohlhabendsten Länder der Erde zu leben und lassen wir es uns nicht nehmen glücklich zu sein und zu lachen auch wenn wir manchmal nichts zu lachen haben! 🙂

Flo