Das Hinterland Wiens

Foto 1 – Sonnenuntergang im Durmitor Nationalpark

Man möge mir diese, geopolitisch heikle, verbale Landnahme nachsehen. Denn es geht nicht, wie sich der eine oder die andere nun vielleicht denkt, um den Wienerwald oder das Marchfeld, sondern um den einstigen Teil der k. und k. Monarchie zwischen Adria und Eisernem Tor dessen Hauptstadt auch Wien war. Als mittlerweile zwölfjähriger Wahlwiener finde ich, dass es für solche sowie die „echten“ Wiener (sofern es diese überhaupt gibt) zur Allgemeinbildung gehören könnte sich mit den historischen, kulturellen und politischen Gegebenheiten der geographischen Region in der man lebt auseinanderzusetzen. Und das soll jetzt keineswegs ausschließlich aus einer antiquierten Weltanschauung geschehen, um die gute alte Zeit des Kaisers hochleben zu lassen. Derzeit leben etwa 300.000 Menschen aus Ex-Jugoslawien in Österreich. Dies stellt mit über 3% die mit Abstand größte Gruppe an Nicht-Österreichern dar. Und hier sind lediglich die nicht bereits eingebürgerten Personen angeführt. [1] Für Wien sind es fast 7,5%. [2]
Nehmen wir nur mal überschlagsmäßig an, dass innerhalb der letzten 100 Jahren bereits genauso viele Menschen aus diesem geographischen Raum in das heutige Österreich gekommen sind und nun als Österreicher dort leben. [3] Dann wären in Summe 6-7% aller heute in Österreich lebenden Menschen aus dem Gebiet Ex-Jugoslawiens (für Wien 15%). Da kann man auch heute einen Bezug zwischen Österreich und Ex-Jugoslawien nicht leugnen.
Man könnte natürlich entgegnen, dass die Monarchie und auch die Balkankriege lange her sind und sowieso ist der Balkan so weit weg und der Rest der Bevölkerung sind ja ohnehin waschechte Österreicher. Da reicht es sich mit den eigenen Problemen zu beschäftigen. Mag alles stimmen. Aber nochmal zum Thema „weit weg“. Eine meiner ersten Lektionen in Kartographie auf der Uni die nachhaltig hängen geblieben ist war zum Thema Mental Maps. Es wurde die Frage gestellt: „Was glaubt Ihr liegt näher an Wien – Zagreb oder München?“ Und was glaubt jetzt Ihr, war die einschlägige Meinung der Studierenden? „Ganz klar München!“ Genau das sind nämlich nur 355 km Luftlinie. Und nach Zagreb sind es immerhin 268 km.

Moment mal – wer hätte das gedacht, nach München ist die Entfernung um 32% größer. Gründe für diese subjektive Verzerrung würden mir genug einfallen, um nicht zu sehr abzuschweifen sei es bei dem Denkanstoß belassen.

Maria und Flo auf großer Fahrt

Und dann kommen wir in unserem Sommerurlaub daher – eh schon top informiert, da belesen sowie politisch und historisch interessiert – um unsere Kenntnisse vor Ort etwas aufzupolieren. In Form einer zweiwöchigen Balkanreise. Anreise über das Binnenland, Wandern in den Bergen Montenegros und zum gemütlichen Ausklang etwas Baden in Kroatien.

Alles läuft nach Plan. Der erste Stop ist das ungarische Pécs. Eine wunderschöne Stadt, der man ihren deutschen Namen Fünfkirchen deutlich ansieht.

Foto 2 – Blick auf die Basilika von Pécs

Das Verlassen des Schengen-Raums verläuft auch reibungslos, Kroatien kennt man ja wenigstens schon vom Badeurlaub. Doch dann naht bereits die große Erkenntnis noch ehe wir den Grenzposten nach Bosnien und Herzegowina erblicken können. Wir sind 360 km weit weg von Wien und haben keinen blassen Schimmer mehr wie man hier lebt! Die ethnischen Spannungen sind uns zwar bekannt und wir wollen nicht versehentlich in Fettnäpfchen treten. Also was für eine Sprache Sprechen die Leute in Bosnien und Herzegowina? Sind sie sauer, wenn wir ein kroatisches „dobar dan“ raushauen? Es sollte zehn weitere Tage und einen tollen Stadtführer benötigen, um zu erfahren, dass serbo-kroatisch auch in Bosnien gesprochen wird – und zwar nicht in „ethnischen“, sondern regionalen Dialekten.

Das alles ist Südslawien

Das war also das erste Aha-Erlebnis und es sollten noch viele weitere folgen. Wir hätten niemals gedacht, die steilste Straße unseres Lebens im Stadtgebiet von Sarajevo zu fahren. Eine Straße mit 100% Steigung und ca. 3 m Breite trifft auf einen Camping Bus – kein wirkliches Vergnügen. Dafür schätzten wir uns umso glücklicher zufällig mitten in der ersten Pride Parade des Landes zu landen. Nachdem wir zuvor schon das Schlimmste befürchtet hatten, da die gesamte Innenstadt an jeder Kreuzung von schwer bewaffnetem Militär kontrolliert wurde und keiner wusste was los ist.

Foto 3 – Die alten und die neuen Zeiten – Regenbogenschirm trifft Einschusslöcher

Nach diesem kulturell intensiven Zwischenstop ging es dann weiter in den Durmitor Nationalpark Montenegros. Eine traufhafte Mischung aus alpinen Hochalmen und skandinavischem Fjäll. Der feuchte Traum eines jeden Geographen. So viele spannende Gesteinsformationen und Landschaftsformen, dass ich lieber gar nicht erst anfange…

Der Nationalpark wirkt sehr gut organisiert, trotz vieler Tagestouristen noch nicht überlaufen (wenn man den Crno Jezero zur besten Zeit meidet) und sehr sauber. Er wurde 1952 gegründet, lange vor den Nationalparks Bayerischer Wald oder Hohe Tauern. [4] Den mit 2.522 m höchsten Gipfel des Gebirges, den Bobotov Kuk, haben wir natürlich mitgenommen. [5]

Mit eingebunden in diesen Nationalpark ist die Tara Schlucht, mit teilweise über 1.300 m die tiefste Europas. [6]

Unser nächster Wanderstop wurde im Prokletije-Gebirge (zu Deutsch Verwunschene Berge – oder auch Albanische Alpen genannt) eingelegt. Dessen höchster Gipfel Jezerca (2.694 m) stellt auch den höchsten Gipfel des Dinarischen Gebirges dar. [7] In diesem Gebirgsstock treffen die Länder Montenegro, Albanien und Kosovo aufeinander. Unter Mithilfe des Deutschen Alpenvereins wurde hier ein nationenverbindender Rundwanderweg errichtet, der sich bereits recht großer Beliebtheit erfreut. Landschaftlich ganz ähnlich wie im Durmitor und doch so anders. Die mächtigen Kalkstöcke werden vor allem auf montenegrinischer Seite durch sehr sanfte Bergformen unterbrochen, denen ein anderes Ausgangsgestein zugrunde liegt. Wir haben unsere Tour von Vusanje (Montenegro) gestartet und sind nur ganz kurz über die grüne Grenze nach Albanien herüber gegangen.

Eine Einladung zum Tee von zwei kernigen, älteren Damen ins Tal auf die albanische Seite mussten wir leider ausschlagen, da wir weder Schlafsäcke noch Pässe dabei hatten. Wieder zurück in „unserem“ Tal sieht man jedoch ganz deutlich anhand der Flaggen an den Häusern und an Grafittis, dass auch hier auf montenegrinischer Seite ethnische Albaner leben. Dies betrifft allerdings nur dieses kleine Seitental von Vusanje nach Gusinje. In diesem Tal ist uns das erste Mal eine starke Vermüllung der Landschaft aufgefallen. Ob das ethnisch-kulturelle, politische oder andere Gründe hat, können wir nur vermuten.

Damit war die Erkundung der Dinarischen Bergwelten für diese Reise abgeschlossen. Nach einer Mittagspause am Skutarisee ging es weiter an die Mittelmeerküste Montenegros. Dieser Wechsel der Szenerie war in allen Belangen eine andere Welt. Da waren sie auf einmal, die Bettenburgen, die Menschenmassen, die schicken Leute. Auch auf den Campingplätzen merkt man einen deutlichen Unterschied zu davor. Es ist anonymer, die netten Gespräche mit den Nachbarn werden weniger, die Leute sind älter, die hauptsächlich deutschen Urlauber verhalten sich endlich entsprechend der Clichés deutscher Camper. Den Badeort Bečići haben wir sehr schnell wieder hinter uns gelassen. Zwar ist er sehr schön in einer Bucht gelegen, aber der enorme Durchgangsverkehr, die vielen Luxushotels mit ihren Privatstränden haben uns nicht länger zum Verweilen eingeladen. Auffällig war hier die hohe Zahl an russischen und serbischen Pkw. Die weiteren von uns besuchten Küstenorte in Kroatien waren zwar auch Mitte September noch gut besucht, aber dennoch ein paar Nummern entspannter.

Ein dunkles Kapitel europäischer Zeitgeschichte

Relativ spontan haben wir unsere Küstentour nochmals unterbrochen und haben einen Abstecher nach Mostar, dem Hauptort Herzegowinas, gemacht. Das sollte sich in vielerlei Hinsicht als sehr gute Entscheidung herausstellen. Bei der Einfahrt in die Stadt habe ich es endlich geschafft nach jahrelangem Suchen eine Kupferkanne mit einem halben Liter Fassungsvermögen zum Kochen von Mokka zu ergattern. Nur um später festzustellen, dass man diese in der Innenstadt an jeder Ecke hinterhergeschmissen bekommt. Kaum waren wir zu Fuß in der Altstadt unterwegs, da liefen wir zwei bekannten Gesichtern in die Arme. Unsere Welpenknuddel-Kollegen aus dem Durmitor Nationalpark.

Foto 32 – Für zwei Tage unsere Reisebegleitung – Lena und Bo

Kurzerhand wurden wir überzeugt uns an die jetzt startende Stadtführung [8] dranzuhängen. Obwohl der Guide diese Touren erst seit einem knappen Jahr anbietet verstand er es einen perfekten Spannungsbogen aufzubauen. Erst zeigte er uns die schönen Seiten der Altstadt mit den kulturellen und architektonischen Sehenswürdigkeiten.

Ehe wir uns jedoch versahen waren wir in einer knallharten Geschichtsstunde über die Stadt Mostar und die politischen Ereignisse der letzten Jahrhunderte in der Region. Besonders der Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 nahm viel Raum ein. So lange her und doch noch allgegenwärtig, wie bereits auf Foto 3 zu sehen ist. Wir erhielten hier Informationen aus erster Hand, da unser Guide selbst auf bosniakischer Seite kämpfen musste. Zuerst kämpften Bosniaken und Kroaten noch gemeinsam gegen die, aus Belgrad aufgerüsteten, serbischen Einheiten. Deren Anführer Ratko Mladić erlangte durch das von ihm zu verantwortende Massaker von Srebrenica traurige Berühmtheit. [9] Ab 1993 eskalierte auch die Spannung zwischen Kroaten (welche aus Zagreb Unterstützung erfuhren) und Bosniaken (von einigen muslimischen Ländern mit Kleinwaffen unterstützt). [10] [11] Von der internationalen Gemeinschaft wurde der Krieg großteils ignoriert. Die Stadt Mostar wurde entlang der M6.1 in eine westliche, kroatische und eine östliche, bosniakische Seite geteilt.

Noch heute ist es so, dass Unfallpatienten östlich der M6.1 trotz unmittelbarer Nähe zum zentral gelegenen Krankenhaus der Weststadt dennoch in das viele Kilometer entfernt gelegene, im Ostteil der Stadt gelegene Krankenhaus gebracht werden. Mit diesem Hintergrundwissen werden die Zeichen der noch immer gegenwärtigen Teilung und der gegenseitigen Provokationen auf einmal sichtbar. Das gigantische Kreuz auf dem Gipfel des Hausbergs vom Westteil der Stadt, die vielen Nationalflaggen, die beschmierten Straßenschilder. Unser Guide meinte, dass die junge Generation, die den Krieg überhaupt nicht mehr miterlebt hat, nationalistischer sei als die Alten. Die Jungen haben die dunkle Seite des Konflikts nicht miterlebt, aber in ihren Familien und im Freundeskreis den Hass und die Ressentiments aufgesaugt und angenommen.

Der Schmerz und die Verbitterung über den Niedergang seines Landes ist unserem Guide deutlich anzuhören. Dabei meint er, dass die ethnischen Merkmale, die als Anlass des Konflikts dienten überhaupt keine Alltagsrelevanz haben, beziehungsweise gar nicht vorhanden sind. Er selbst als bosniakischer Muslim geboren sagt, dass die Religion für ihn und viele andere Einwohner Bosnien und Herzegowinas (egal ob römisch katholisch, muslimisch oder serbisch orthodox) eine sehr geringe Rolle spielt. Am Dialekt kann man die Menschen höchstens regional, nicht jedoch ethnisch zuordnen. Das einzige wirklich eindeutige Merkmal zur Zuordnung zu einer Ethnie ist der Nachname.

Nachdem der Konflikt beigelegt wurde blieb ein politisches System zurück, dass peinlichst auf die gleichberechtigte Repräsentation aller drei ethnischen Gruppen bedacht war. Was aber zur Folge hat, dass das Staatsoberhaupt und die Minister innerhalb eines Jahres rotiert werden. Dadurch ist es schier unmöglich Veränderungsprozesse in Gang zu bringen, da nie Zeit vorhanden ist Gesetze vorzubereiten und einzubringen. Ihr übriges tut die allgegenwärtige Korruption. Das politische System in Bosnien und Herzegowina wird auch als kompliziertestes Regierungssystem der Welt bezeichnet. [12]

In Anbetracht dieser jüngsten Geschichte ist es ein Wunder wie schön die Altstadt von Mostar wieder aufgebaut wurde. Aber auch nur logisch, da die Altstadt, um wieder UNESCO Weltkulturerbe zu sein, originalgetreu aufgebaut werden musste. Und dieser Status bringt viele Touristen in die Stadt und diese bringen gutes Geld und Arbeitsplätze. Ein weiteres Spannungsfeld ist der Fakt, dass die Altstadt ausschließlich auf bosniakischer Seite ist. Für viele ethnische Kroaten ist die M6.1 noch immer das Ende der Stadt und die Leute im Westen der Stadt haben nichts vom Aufblühen des Tourismus.

Gemütlicher Ausklang

Eigentlich wollten wir ja die ganze Tour machen, um endlich mal die Plitvicer Seen anzuschauen. Da wir aber schon viel davon gehört haben wie überlaufen diese Attraktion ist entschlossen wir uns kurzerhand dazu diesen Punkt auf der Liste sausen zu lassen und uns stattdessen die Kravica Wasserfälle einige Kilometer südlich von Mostar anzuschauen.

Wir haben jetzt zwar keinen Vergleich, aber wir sind mit unserer Entscheidung recht zufrieden.
Unsere letzte Station war der Paklenica Nationalpark. Hier kann man wandern, klettern, bouldern, radfahren und im nah gelegenen Meer baden. Und das wichtigste, hier trieb auch schon Winnetou sein unwesen. Somit schließen wir unseren Urlaub mit einem typisch deutschem Jugoslawien-Bild ab. Winnetou, Baden, Sliwowitz. Aber die Länder des ehemaligen Jugoslawiens haben so viel mehr zu bieten…

Ich wünsche eine gute Nacht
Flo

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/293019/umfrage/auslaender-in-oesterreich-nach-staatsangehoerigkeit/
[2] https://www.wien.gv.at/statistik/bevoelkerung/tabellen/bevoelkerung-staat-geschl-zr.html
[3] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/300338/umfrage/einbuergerungsrate-in-oesterreich/
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Nationalparks
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Bobotov_Kuk
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Tara_(Drina)
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Dinarisches_Gebirge
[8] https://www.mostarfreewalkingtours.com/
[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Ratko_Mladi%C4%87
[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Kroatisch-bosniakischer_Krieg
[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Bosnienkrieg
[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Bosnien_und_Herzegowina#Politisches_System

Nicht referenzierte konkrete Zahlen und Fakten wurden in persönlichen Gesprächen erlangt, vor allem mit [7]


Schneeschuhwandern in der Hohen Tatra

Warum eigentlich immer die Alpen?

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Foto 1 – Blick auf den Hauptkamm der Hohen Tatra im Kleinen Kalten Tal

Es ist schon auffällig wie präsent der ehemalige Eiserne Vorhang im Reiseverhalten des durchschnittlichen Mitteleuropäers noch immer ist. Das habe ich noch nie verstanden. Seitdem ich in Wien lebe fühle ich mich zu den östlichen Nachbarstaaten Österreichs hingezogen. Dies hat, denke ich, mehrere Gründe. In meinem Heimatort war eher die räumliche Nähe zu Frankreich, Italien oder der Schweiz gegeben. Bei Besuchen meiner Großeltern an der Ostsee war Skandinavien nicht weit. Einzig 1995 bin ich mit meinen Eltern einmal einen Tag in Eger (Tschechien) gewesen. Daher ist der Osten für mich die große Unbekannte gewesen. Auch der Lebensalltag und das Erscheinungsbild der Städte, geprägt durch Jahrzehnte des Kommunismus, sind hier gefühlt immer noch ganz anders. Auch wenn die internationalen Trends und das Internet die Unterschiede verschwimmen lassen, manchmal reicht es schon einen alten Lada zu sehen oder eine slawische Sprache zu hören, um den Hauch Ostalgie zu spüren.
Ein weiterer Reiz ist das Zurücklassen der heimischen Touristenströme. Auch wenn wir bald merken sollten, dass für Slowaken und Polen die Tatra, als einzig verfügbares Hochgebirge in der Region, natürlich Dreh- und Angelpunkt des dortigen Wintertourismus ist.
Und zu guter Letzt – ich will diesen Anreiz gar nicht leugnen – hat das Reisen in Richtung Osten meist den Vorteil günstiger zu sein als in der Heimat.

Die Anreise

Einmal täglich verkehrt zwischen Wien und Košice ein IC, der für die Strecke von knapp 500 km sechs Stunden benötigt. Zwei Stationen zuvor ist man in Poprad, dem slowakischen Hauptort der Region am südlichen Fuße der Hohen Tatra. Nördlich des Gebirgsstocks befindet sich Zakopane, welches der Hauptort des polnischen Teils der Region ist.
Aufgrund der günstigeren öffentlichen Anbindung entschieden wir uns für die slowakische Seite. Die Fahrzeit nach Poprad betrug noch knapp fünf Stunden und war recht kurzweilig und ohne Zwischenfälle. Da es bei der Ankunft bereits dunkel war haben wir nur noch eine kurze Runde durch die Stadt gedreht und unsere, dicht am Bahnhof gelegene, Unterkunft bezogen. Am nächsten Tag nahmen wir den Regionalzug nach Starý Smokovec, dem besten Ausgangspunkt für eine Tour in die Berge. Und das merkten wir auch sofort. Bereits der Zug dorthin war vollkommen überfüllt, genauso wie der Ort selbst. Ich war mal wieder naiv gewesen. In der Hoffnung die überlaufenen Alpen gegen die unberührte und wilde Tatra zu tauschen und etwas Erholung von den Menschenmassen der Großstadt zu erlangen fanden wir uns nun im Gänsemarsch den Berg hinauf wieder. Auch das Passieren der Bergstation der Zahnradbahn tat dem Menschenstrom keinen Abbruch. Und so ergaben wir uns unserem Schicksal und reihten uns ein in Richtung Zamkovského chata, der Berghütte bei der wir zwei Übernachtungen gebucht hatten.

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Foto 2 – Der Blick vom Eingang unserer Hütte

Bei der Planung der Tour habe ich mir gedacht, dass das eine tolle Gelegenheit wäre etwas Übung im Umgang mit Schneeschuhen zu bekommen. Einen Monat später stand der Winterteil der Ausbildung zum Bergwanderführer an. Die gute Idee erwies sich in der Praxis als überflüssig bis hinderlich, da der Weg bereits so ausgetreten war, dass die großen Schneeschuhe eher ein Klotz am Bein waren. Die anderen Leute waren eher mit leichten Sportschuhen oder maximal mit Spikes oder Grödel unterwegs. Es bewahrheitete sich offenbar das Vorurteil, dass Osteuropäer nicht zimperlich sind und auch in Sachen Sicherheit etwas lässiger unterwegs sind. Als wir vorbeikommenden Wanderern erklärten, dass wir unsere LVS-Ausrüstung testen, ob alles in Ordnung ist, bekamen wir ein gemütliches „don’t worry, it will work fine“ entgegnet.

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Foto 3 – Check der LVS-Ausrüstung

Bei der Hütte angekommen waren wir mehr als entzückt. Eine wahnsinnig urige Hütte, superschön am Waldrand gelegen. Derzeit allerdings noch so überfüllt, dass man kaum zur Türe herein kam. Das Matratzenlager unter dem Dach war allerdings nur von uns und einem einzelnen Wanderer belegt. Dieser lud uns sogleich dazu ein mit ihm eine Flasche des typisch slowakischen Borovička zu leeren. Das taten wir gerne. So gestärkt wankten wir wieder nach unten in den Speisesaal, hier war nach Abreise der Tagesgäste Ruhe eingekehrt und es wurde ein sehr gemütlicher Abend.

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Foto 4 – „Unsere“ Hütte

Eine knackige Tagestour bei Kaiserwetter

Am nächsten morgen bemerkten wir, dass es in der Nacht ordentlich geschneit hatte und die Schneedecke auch hier auf halber Höhe bereits mehr als einen Meter betrug. Die Wolken hatten sich glücklicherweise bereits verzogen und so starteten wir hochmotiviert bei strahlendem Sonnenschein in Richtung Malá Studená dolina (zu deutsch Kleines Kaltes Tal).

Abbildung 1 – Unsere Tourdaten, der schwarze Punkt in der Mitte des Tracks ist unsere Hütte zum Übernachten – Quelle: www. alltrails.com

Endlich waren die Schneeschuhe bei der frischen, unberührten Schneedecke von Vorteil. Einige Leute ohne Ski oder Schneeschuhe kamen uns bereits entgegen, da ihnen der Schnee mit normalen Schuhen zu tief war. Man merkte auch, dass generell deutlich weniger Menschen so weit in die Berge hinein gehen. Uns nun waren die Leute auch tendenziell alle gut ausgerüstet. Am Ende des Tals, beim Aufstieg in Richtung Hauptkamm lernten wir jedoch unsere nächste wichtige Lektion. Für Ebenen und leichte Steigungen sind Schneeschuhe super, für steile Anstiege jenseits der 20° sind sie eine Quälerei. Uns so mühten wir uns den etwa 30-40° steilen Berghang hinauf. Mal Folgten wir den viel zu kleinen Schuhtritten der Vorgänger (Profis nehmen Wanderschuhe mit Steigeisen oder gleich lieber Ski) dann kreutzten wir wieder, um etwas flacher gehen zu können.

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Foto 5 – Ab jetzt gehen wir steil

Bei beidem kamen wir uns gleichmaßen dämlich vor, dennoch erreichten wir relativ zügig die Téryho chata. Hier kehrten wir ein und beschlossen, dass wir uns für heute genug gequält haben. Mit Sicherheit die beste Entscheidung, zumal aus dem Tal mittlerweile dicker Nebel aufzog.

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Foto 6 – Der Blick von oben ins Kleine Kalte Tal

Der Abstieg war dafür sehr flott und spaßig, da wir versuchten unsere Schneeschuhe und unsere Hintern als Rutschfläche zu missbrauchen.
Ziemlich erledigt und ausgehungert fielen wir in der Zamkovského chata ein. Hier verabschiedeten sich bereits allmählich wieder die Tagesgäste. Doch inzwischen waren die Zimmer und das Matratzenlager recht gut ausgelastet und so lernten wir einige weitere nette Leute kennen.

Auf bald

Am nächsten Tag mussten wir leider schon wieder unsere Sachen packen. Gemeinsam mit zwei Bettnachbarn machten wir uns auf den Weg ins Tal. Am Berg war wieder Sonnenschein pur. Im Tal konnten wir hingegen bereits wieder Nebel aufziehen sehen.

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Foto 7 – Blick nach Süden in Richtung Niedere Tatra

Wenn man nicht im Nebel drin steckt ist das eine schöne Sache. Wir mussten trotzdem genau dorthin. Wir übernachteten noch einmal in Poprad, diesmal in einer Pension die, zwischen einer Autowerkstatt und einer Fabrikhalle gelegen, einen eher spröden Charme versprühte. Aber für die Nacht war es recht und am nächsten Morgen konnten wir uns wieder gemütlich in den IC nach Wien setzen. Eines weiß ich sicher, ich möchte wiederkommen. Vielleicht im Sommer und auch unbedingt von der polnischen Seite. Das Tal der fünf Seen soll wahnsinnig schön sein. Oder endlich mal nach Košice und weiter bis in die Ukraine…

 

Viel Spaß mit dem Winter

Flo

 

Umweltpolizei im Surfurlaub

Vor der eigenen Türe kehren oder doch lieber vor der Fremden?
Gedanken eines Weltretters

Seit einigen Jahren nun bin ich um einen ressourcenschonenden und vorausschauenden Lebensstil bemüht. Als gebürtigem Schwabe kommt mir hier zugute, dass es mir selbstverständlich in die Wiege gelegt wurde, alles dankbar anzunehmen, was der Selbstgeißelung zuträglich ist. Frei nach dem inoffizillen Motto der Puritaner „Du darfst tun was Du willst, solange es Dir keinen Spaß macht“.

[1] Ist dieses Bild 1,25 Tonnen CO2 wert?

Eine meiner grundsätzlichen Problemstellungen lautet daher „Wie bringe ich einen lebensbejahenden Alltag, ohne mir zu viel zu verkneifen, und ein Streben nach Bescheidenheit und Nachhaltigkeit unter einen Hut?“ Und wo ziehe ich die Grenze? Zum Beispiel in Sachen Mobilität überlege ich mir bei fast jedem Schritt, den ich tue, was die Konsequenzen sind und welches Verkehrsmittel das ökonomischste und ökologischste ist. Zu meinem Glück erfreue ich mich recht guter Gesundheit und fahre auch noch sehr gerne Rad. Im Alltag ist das eine tolle Sache, da ich mich so fit halten kann, mich fast klimaneutral bewege und mich in keinen Stau stellen muss. Nach langem Ringen habe ich nun im Februar einen Flug nach Marokko für 11 Tage gebucht. Da kann ich lange radeln, bis ich den Ausreißer wieder ausgebügelt habe!

Irgendwie kommt man echt ins Grübeln, ob man sich als ein Depp unter 1.000 jetzt doch lieber so etwas verkneifen soll, während 999 andere hemmungslos dem Urlaubsexzess frönen. Oder sollte ich mich einfach mal locker machen und das Geschenk, in einem der reichsten Länder der Welt zu leben, annehmen und die Vorzüge des Lebens genießen?

Hemmungsloser urlaubsexzess – will ich das auch?

Nun, da ich die Tickets schon gebucht hatte und die Reise auch angetreten habe, habe ich mich dann doch lieber für Letzteres entschieden. Unterm Strich lebe ich immer noch nachhaltiger als 99% aller anderen Menschen – zumindest hab ich das mal bei einem CO2-Rechner herausbekommen… oder so ähnlich… oder war es doch nur nachhaltiger als 70% aller Europäer? Trotzdem perfekt – da kann ich immer noch mahnend meinen Zeigefinger heben  und an die Leute appellieren, doch endlich zur Besinnung zu kommen! Vor allem wenn man sich mal andere Kulturen anschaut: In was für einem Dreck zum Beispiel die Afrikaner leben. Genau das habe ich mir nun etwas genauer angeschaut. Nach geglückter Landung in Agadir konnte ich gleich mit meiner Weltverbesserungs-Kolonialisierung beginnen.

Nach einer etwa einstündigen Anreise haben meine Freunde und ich unser Ziel mit einem recht hübschen Surf- und Badeort erreicht. Die Lage direkt am Strand und der freie Blick auf den Atlantik sind schon recht vielversprechend. Der Ort selbst macht einen recht quirligen Eindruck. Neben den zahlreichen Touristen geben auch die Einheimischen ein recht buntes Bild ab. Alles wirkt beschaulich, ein Ort wo man die Seele baumeln lassen kann. Zudem sind die Preise niedrig und das Essen der Restaurants lecker. Dazu eine kühle Cola, das Leben könnte nicht schöner sein. Nachdem ich in der zweiten Nacht unfreiwillig eine ausgiebige Inspektion der Zimmertoilette vorgenommen hatte, musste ich in Sachen Surfen leider etwas kürzer treten. Uns wurde gesagt, dass der Strand an dem wir surfen waren genau in der Strömung der ganzen Abwässer liegt, die hier ungeklärt ins Meer laufen. Toll!

Müll in der Natur – WElche Überraschung!

Um nicht nur auf dem Zimmer zu sitzen, entschloss ich mich nach einem Ruhetag ein wenig die Hügelketten in der Umgebung auszukundschaften. Ich folgte dem ausgetrockneten Bachbett von der Mündung ins Hinterland – und  sieh‘ an, da liegt ja meine Coladose von vorgestern. Und daneben dutzende derer Brüdern und Schwestern. Hoppla, was ich die Tage zuvor so aus dem Augenwinkel halb wahrgenommen hatte, schlug jetzt mit voller Wucht auf mich ein. Hier liegt ja alles voller Müll (Foto 2). Hauptsächlich Plastik und Dosen. Was sind das nur für abscheuliche Schmutzfinken in diesem Ort!

[2] Mülldeponie Bachbett

Ich folge dem Bachbett eine ganze Weile, danach gehe ich ein Stück entlang einer Landstraße. Doch hinsichtlich Müll ändert sich das Bild nur wenig. Was mich wirklich interessieren würde, ob diese Dinge den Menschen vor Ort egal sind, ob sie andere Probleme haben, ob sie es vielleicht gar nicht sehen oder sich einfach nur machtlos fühlen, weil es von staatlicher Seite zu wenig Unterstützung gibt?

[3] Da bekommt Straßen-Bankett eine ganz neue Bedeutung

Zurück in der Heimat habe ich dann auch mal versucht, mich in dieser Hinsicht mit offenen Augen zu bewegen. Und mir sind auf einmal viele Orte aufgefallen, die total zugemüllt sind. Also brauchen wir uns eigentlich gar nicht so überlegen fühlen. Noch vor 30-40 Jahren haben, wie es viele ältere Menschen berichten, unsere Flüsse geschäumt. Offensichtlich muss der Leidensdruck erst hoch genug sein, damit man Gegenmaßnahmen ergreift. Und man muss sie sich leisten können. Momentan werden die Leute vielerorts mit ihren Problemen einfach im Stich gelassen. Vielleicht sind sie auch überfordert mit dem rasanten Wandel von einem ursprünglichen Lebensstil mit fast ausschließlich organischen Abfällen hin zu Single Use Plastic. Entsorgt wird wie eh und je, nur verrottet das moderne Gerümpel leider nicht.

[4] Die Ziegen stört der Müll weniger…

Und wo liegt nun der Kern des Problems? Die globalisierte Konsumgesellschaft? Die Gleichgültigkeit der Konsumenten? Die mangelnden Alternativen der Konsumenten? Die Konzentration von Konsum und Menschen auf einige Hotspots? Bin ich in meinem konkreten Fall als Tourist in Marokko in einer Masse aus sehr vielen Touristen nicht hochgradig Teil des Problems? In anderen Teilen des Landes, die dünner besiedelt und auch weniger touristisch sind, ist dieses Problem deutlich kleiner (soweit ich das im Rahmen meines doch nur beschränkten Einblickes beurteilen kann). Die Situation in Marokkos Surfspots dürfte sich in Zukunft weiter verschärfen. Neubaugebiete in Strandnähe gibt es bereits ohne Ende (siehe Foto 5).

[5] Neubaugebiete nahe Agadir

Und sind die Touristen nicht gleichzeitig auch eine Chance? Im Sinne eines Anlasses für die Gäste sich nur von seiner schönsten Seite zu zeigen und somit auch selbst davon zu profitieren. Und was habe ich jetzt erreicht außer noch mehr Ratlosigkeit bei mir selbst und vielleicht auch bei Euch?

Bildet Reisen denn?!

Als Geograph und allgemein an Vielem interessierter Mensch bin ich überzeugt davon, dass Reisen bildet und sehr wichtig sein kann. Nicht für jeden, aber für mich auf jeden Fall. Aber wenn das sehr viele Menschen mehrmals im Jahr tun wollen, verpufft dieser Effekt des Kennenlernens anderer Kultur- und Naturräume durch die Schneise der Verwüstung die der globale Touristenstrom hinterlässt. Wenn wir dieses Allgemeingut des „freien Wegerechts“ rationieren müssen, wer hat dann wie oft das „Recht“ darauf sich frei zu bewegen?

[6] Auch vor der Wüste macht das Problem nicht halt.

Ich möchte hier nun noch ganz deutlich betonen, dass ich niemandem Vorschriften machen möchte. Ich hoffe das ist durch meinen selbstkritischen und selbstironischen Anfang deutlich geworden. Jeder Mensch hat seine eigenen Grenzen, seine Laster und Dinge, die ihm wichtig sind.

Versuchen wir nicht gegenseitig, an uns die wunden Punkte zu finden, an denen wir vielleicht ohnehin gerade noch arbeiten möchten oder welche wir bewusst in Kauf nehmen, sondern freuen wir uns lieber über jeden Menschen, der für sich und für alle Anderen sein Leben besser gestalten möchte.

Unterstützen und ermutigen wir uns gegenseitig, gemeinsam für eine bessere Zukunft zu kämpfen! Und lassen wir uns nicht unterkriegen von all dem Unglück und den Ungerechtigkeiten in der Welt. Nutzen wir unser Geschenk in einem der sichersten und wohlhabendsten Länder der Erde zu leben und lassen wir es uns nicht nehmen glücklich zu sein und zu lachen auch wenn wir manchmal nichts zu lachen haben! 🙂

Flo