Wie umweltfreundlich ist die Deutsche Bahn?

Eigentlich sollten diese Zeilen eine Ergänzung des Artikels über die Kosten des Autos werden. Ein Freund hat uns zwei Links zu Artikeln über die schlechte Umweltbilanz der Deutschen Bahn (DB) geschickt. Jetzt sind noch ein paar Artikel mehr dazu gekommen und das Thema noch etwas weitgreifender geworden.

Die Deutsche Bahn – gefangen im System

Böse Zungen mögen behaupten die Deutsche Bahn handelt seit der Privatisierung im Jahre 1994 nur noch profitorientiert. [1] An dieser Stelle möchte ich mich aber gar nicht allzu sehr einreihen in das „Bahn-Bashing“. Sicherlich sind das marode Flotten- und Schienennetz sowie die veralteten Konzernstrukturen in Kombination mit einem weit verzweigten, „unternehmerfreundlichen“ Netz an Tochtergesellschaften Teil eines großen Problemes der DB. [2] [3] [4]
Doch neben diesen unmittelbaren und hausgemachten Problemen gibt es noch eine Reihe anderer Faktoren, welche nur indirekt etwas oder gar nichts mit dem derzeitigen Erscheinungsbild der DB zu tun haben.
In Sachen Attraktivität bezüglich Preis, Komport und Reisedauer muss sich die Bahn nicht nur gegen die florierenden Fernbusunternehmen, sondern auch gegen den innerdeutschen und innereuropäischen Flugverkehr behaupten. Und im Flugverkehr findet meines Erachtens eine Wettbewerbsverzerrung statt, die ihresgleichen sucht. Allseits bekannt sein dürfte die, aus dem Jahre 1944 stammende, (als friedensstiftende und völkerverbindende Maßnahme gedachte) Maßnahme sein keine Kerosinsteuer einzuheben. [5] Auch anstatt die immer höheren Auslastungenen von Flughäfen zu besteuern werben Städte und Regionen Airlines gezielt mit einem Aussetzen der Flughafengebühren an, um Kapazitäten auszubauen und neue Flughäfen zu schaffen. Die Absicht ist ganz klar. Für eine Region bringt ein Flughafen gleich tausende neue Arbeitsplätze in vielen Branchen sowie viel Geld. Damit ist aber noch immer nicht genug. Auch der deutsche Staat hebt sich als Wohltäter hervor und verzichtet bei Auslandsflügen auf die Mehrwertsteuer. [6] Gegen dieses breite Netzwerk an Förderungen ist preislich kaum gegenan zu kommen.
Ein weiterer wesentlicher Faktor ist dabei die Tatsache, dass der Energiebedarf der DB im Vergleich zur Österreichischen Bundesbahn (ÖBB) mit einem deutlich niedrigeren Anteil an erneuerbaren Energien gedeckt wird. Die ÖBB erzeugt fast ihren gesamten Strombedarf selbst (siehe auch Kosten des Autos). Die DB bezieht auf den elektrifizierten Strecken ihren Strom zu einem Drittel ganz regulär aus dem deutschen Energienetz. Auf den Energie-Mix dieses Netzes hat die DB keinen direkten Einfluss. Die übrigen zwei Drittel werden zwar im eigenen Bahnstromnetz erzeugt, allerdings sind neben 13 Wasserkraftwerken auch vier Kohlekraftwerke und ein Atomkraftwerk an dieses Netz angeschlossen. [7] [8] Die Werbebotschaft, dass der gesamte Fernverkehr mit grünem Strom fährt ist letztendlich nur eine Zahlenspielerei und ein Werbegag (siehe Abbildung 1). [9]

Abbildung 1 – Bahnstrom-Mix der DB 2016 – Quelle: www.dw.com

Hier haben also die DB und die Bundesregierung langfristig einen Trend verschlafen rechtzeitig auf erneuerbare Energien zu setzen.

Die Deutsch Bahn als umweltfreundliches Verkehrsmittel?

Doch die DB versucht, verständlicherweise, dennoch ihre Umweltfreundlichkeit unter Beweis zu stellen. So werden für Fernreisen die Energiekosten pro Passagier auf 100 Kilometer mit einem Benzinäquivalent von 2,3 Litern angegeben. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) kommt mit eigenen Berechnungen auf einen Wert von 3,9 Litern. Mit einem vollbesetzten Auto fährt man da im Vergleich, sogar mit Einberechnung der Vorkette, sparsamer.
(Faustregel: Kraftstoffverbrauch eines Pkw inklusive Vorkette – 9 Liter auf 100 Kilomter im Fernverkehr; für den Optimalfall von vier bis fünf Insassen ergibt das Pro Kopf etwa 2 Liter) Wer nun denkt „da kann ich ja gleich mit dem Auto fahren“ hat sicherlich recht…und trifft genau den Kern des Problems: Die nicht vorhandene Vollauslastung (tatsächlich nur 43%) der Zug-Garnituren. Beide Werte von DB und FAZ sind gewissermaßen richtig. Das Problem dabei ist, dass die Bahn in der Regel einen fixen Fahrplan hat und (zumindest innerhalb des einjährig gültigen Fahrplans) nicht nach Bedarf fährt. Zudem hat die Bahn bei ihrer Berechnung weitere Faktoren nicht mit einbezogen:
– den Energieverbrauch zum Aufrecht erhalten der Infrastruktur; es wird ausschließlich mit dem Energiebedarf der Traktion gerechnet.
– die Vorkette der Energieerzeugung
– Umwege und Anfahrtswege der Bahnfahrer
– es wird nur aus Oberleitungen bezogene Energie berücksichtigt; zusätzliche Verkehrsleistungen beziehen die Energie fast nur aus Kohlekraftwerken
– Studie nur auf Fernverkehr bezogen; der Nahverkehr schneidet, auch aufgrund teilweiser fehlender Elektrifizierung, deutlich schlechter ab

Leise Zweifel gibt es auch an den Auslastungszahlen der DB. Einerseits im Vergleich vor und nach der Privatisierung und andererseits im Vergleich zu den sehr erfolgreichen Schweizerischen Bundesbahnen (SBB). Rechnet man mit den „ehrlichen“ Schweizer Auslastungszahlen, so verschlechtert sich der Wert der DB nochmals deutlich.
Und dann wären da noch die hohen Geschwindigkeiten, welche den Energieverbrauch deutlich erhöhen. Bei einer Gesellschaft, die immer mobiler wird und immer weitere Strecken in kürzerer Zeit zurücklegt, ist es schwierig die Erwartung an geringe Reisezeiten bei gleichzeitig geringem CO2-Ausstoß zu erfüllen. [10] [11]

Fazit

Unterm Strich bleibt in Deutschland der Fernbus mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Verbrauch von 1,6 Litern Benzinäquivalent auf 100 Kilometer das deutlich umweltfreundlichere Verkehrsmittel. [10] [11]
Rechnet man für die DB und einen Pkw den Energiebedarf bei voller Auslastung kommt man für beide Verkehrsmittel immer noch auf etwa 2 Liter.
Und jetzt kommt wieder einmal das Henne-Ei-Problem. Wäre die Attraktivität (Preis, Zeit Verbindungen) der Bahn höher, würden dann mehr Menschen mit der Bahn fahren? Würden dann die Preise sinken und noch mehr Menschen mit der Bahn fahren? Und wird es dann leichter finanzierbar das Netz und die Garnituren instand zu halten? Das lässt sich nur vermuten. Wenn man nach Österreich auf die ÖBB und die Wiener Linien schaut, mag man vorsichtig optimistisch „ja“ sagen. Glaubt man allerdings dem Konzernchef der DB selbst, dann hat die DB schon längst ihr Leistungsmaximum erreicht und kann nicht sinnvoll mit großen Passagierzuwächsen umgehen. [4]
Akut als „Alltagstip“ ist das Fahren mit der Bahn anstatt dem Auto sicherlich sinnvoller, da der Zug laut Fahrplan sowieso fährt und die Autofahrt eine Zusatzbelastung ist. Langfristig wird sich die DB sicherlich komplett neu aufstellen müssen, um den Bedürfnissen der Menschen in der Zukunft gerecht zu werden und sich in Sachen Energieverbrauch deutlich von Pkw abzusetzen. Denn beim Pkw steht die Zeit nicht still…

[1] https://www.deutschlandfunk.de/erfolgreiche-weichenstellung-die-privatisierung-der-bahn.724.de.html?dram:article_id=437197
[2] https://www.zeit.de/2014/19/deutsche-bahn-schienennetz/seite-4
[3] https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/grossbaustelle-deutsche-bahn-marode-bahnhoefe-und-schienen/11394054-3.html?ticket=ST-3129047-MWLGHhc9QfYxh4CPejRQ-ap3
[4] https://www.welt.de/wirtschaft/article185642474/Deutsche-Bahn-vor-dem-Umbau-Die-Struktur-laehmt-den-Konzern.html
[5] https://www.beobachter.ch/umwelt/umweltpolitik/klimakiller-flugzeug-wieso-es-keine-kerosinsteuer-gibt#
[6] https://www.zeit.de/2018/33/flugverkehr-fliegen-flughafen-chaos-billigflieger-vielflieger/seite-4
[7] https://inside.bahn.de/bahnstromnetz/
[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Bahnkraftwerk
[9] https://www.dw.com/de/wie-gr%C3%BCn-ist-die-deutsche-bahn-wirklich/a-41894678
[10] https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/klimaschutz-die-geschoente-klimabilanz-der-bahn-1492996.html
[11] https://www.faz.net/aktuell/wissen/klima/klimabilanz-der-bahn-noch-eine-unbequeme-wahrheit-1488587.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

Interessanter Fakt am Rande: „Im ICE werden vier Tonnen rollendes Material bewegt, um einen Fahrgast zu befördern.“ [9]