Eine umweltfreundliche Alternative zum herkömmlichen Papier?

Da ich mich beruflich recht viel im Print-Bereich bewege und vor kurzem einige Testdrucke auf Stone Paper in meinen Händen halten konnte, habe ich mir gedacht, dass es nicht schaden könnte mich etwas näher mit diesem Material auseinander zu setzen.

Was ist Stone Paper?

Bei diesem Stoff (auf Deutsch: Steinpapier) handelt es sich genau genommen nicht um Papier im herkömmlichen Sinne, da es zu 80% aus Kalziumkarbonat (in Form von fein gemahlenem Kalkstein) und zu 20% aus Polyethylen-Harz, genau genommen High-density polyethylene (HDPE) besteht. [1]

Warum Stone Paper?

Bei der Herstellung kann vollständig auf Zellulose und Bleichmittel verzichtet werden. Der Wasserverbrauch kann deutlich gesenkt werden. Der Nutzer profitiert durch die gegebene Wasserfestigkeit und Abwaschbarkeit sowie die hohe Strapazierfähigkeit. [2] [3]

Abbildung 1 – Umweltfreundlichkeit von Stone Paper – Quelle: http://de.stonepapersz.com/ (letzter Zugriff am 10.04.2019)

Ist das schon die ganze Wahrheit?

Das wäre natürlich zu schön um wahr zu sein. Neben den höheren Kosten für die Abnehmer muss man sich auch bewusst, dass die enthaltenen 20% HDPE ein Kunststoff sind. Stone Paper löst sich zwar nach mehrmonatiger intensiver Sonneneinstrahlung vollständig auf, jedoch bleibt neben dem Steinstaub auch das HDPE in Form von Mikroplastik übrig. Wenn ein Nutzer sich nun denkt „ach das löst sich eh auf, das schmeiß ich gleich in die Natur“, dann gelangt das HDPE in die Böden und letztendlich irgendwann in den Wasserkreislauf. [4] [5]
Ob man Polyethylen als „besseres Plastik“ sehen möchte darüber lässt sich streiten. Ich möchte an dieser Stelle nur darauf hinweisen, dass es immerhin deutlich schädlichere Kunststoffe gibt. [6]

Abbildung 2 – Mikroplastik – Quelle: https://www.zm-online.de/ (letzter Zugriff am 10.04.2019)

Fazit

Stone Paper stellt eine tolle Alternative zu herkömmlichem Papier dar. Nur sollte man sich gut überlegen zu welchem Zweck man es einsetzen möchte. Es ist nichts für ausschließlichen und intensiven Outdoor-Gebrauch an Orten mit hoher Sonneneinstrahlung wie z.B. in den Tropen oder in den Bergen . Die neue umweltfreundliche Allzweckwaffe, wie es von der Industrie beworben wird, ist es sicher nicht. [7]
Von differenzierten Studien oder Kritikern wird auch der gängig gewordene Begriff „Greenwashing“ hie und da in den Raum geworfen. Hinsichtlich des Mikroplastik ist eine Aufklärung der Endverbraucher unbedingt erforderlich. Es muss kommuniziert werden, dass das Material dringend fachgerecht entsorgt werden muss, da sonst Süß- und Salzwasserspeicher belastet werden.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Steinpapier
[2] https://www.stone-paper.com/warum-stone-paper/
[3] https://www.stone-paper.com/steinpapier-umweltfreundlich/
[4] https://www.wired.com/2013/02/stone-paper-notebook/
[5] https://www.stone-paper.com/faq/
[6] https://utopia.de/ratgeber/polyethylen-pe-was-du-ueber-den-kunststoff-wissen-musst/
[7] http://stone-paper.nl/home

Gender und Umweltschutz

Am Freitag war Weltfrauen-Tag. Die Wogen gingen hoch. Auf der einen Seite gibt’s da die ewig gestrigen, die im Frauenwahlrecht den Grund für alles Böse auf der Welt orten, auf der anderen Seite stehen viele junge und ältere Frauen auf, um sich über das Erreichte zu freuen und weiter für eine gleichberechtigte Zukunft zu kämpfen.

Es fällt auf (zumindest in meiner Blase): Unter den Umweltschützern ist der Anteil an bekennenden FeministInnen hoch, sehr hoch sogar. Und mehr noch: die größten und bekanntesten Greenfluencer sind durch die Bank Frauen, wo doch das Internet sonst in weiten Teilen von Männern geprägt wird. 88% aller Männer nutzen in Deutschland das Internet, 80% der Frauen. [1]

Andererseits: 68% der Instagram-Nutzer, wo ein Großteil der Greenfluencer (neben dem Blog) aktiv wird, sind weiblich. [2] Auch meine persönliche Wahrnehmung ist eine ähnliche: Grüne Accounts werden sehr, sehr oft von Frauen betrieben.

Ist Umweltschutz weiblich?

Ruth Meinzen-Dick, Chiara Kovarik und Agnes Quisumbing vom  “International Food Policy Research Institute” in Washington D.C. haben diese Frage schon 2014 beantwortet:  

»Auf die Frage, ob Gender für Nachhaltigkeit von Belang ist, gibt es eine einfache Antwort: Ja, das ist es. Das bedeutet jedoch nicht, dass Frauen von Natur aus ressourcenschonender sind«, stellten die Wissenschaftlerinnen damals fest. Die These, dass Frauen einen mehr oder weniger angeborenen Nachhaltigkeitsbezug hätten, der durch tradierte Rollenzuschreibungen gepflegt würde, ist eine verbreitete Sicht auf Weiblichkeit und den schonenden Umgang mit Ressourcen. [3]

Im ersten Moment klingt das etwas widersprüchlich, doch eigentlich ist die Sache klar: Erstrangig wichtig für das eigene Leben, den eigenen Treibhausgasaustoß und den eigenen Ressourcenverbrauch ist nicht zwangsweise das Geschlecht, sondern vielmehr die soziale Schichtzugehörigkeit. Je besser jemand verdient, desto mehr konsumiert sie oder er und desto umweltschädlicher wird, so zeigen alle Statistiken zu dem Thema, das Leben. Da Frauen tendenziell stärker von Armut betroffen und gefährdet sind, außerdem seltener Vollzeit arbeiten und insgesamt weniger verdienen, haben sie ein durchschnittlich geringeres Einkommen, das sie für Konsum aufwenden können.

Ein wirklich spannendes Paper zu dem Thema findet Ihr beim deutschen Umweltbundesamt. [4]

Umweltschutz ist weiblich!

Dennoch: Umweltschutz ist weiblich! Die Umweltkrisen werden es nämlich auch sein.

Es fängt beim Energieverbrauch an: Laut VCÖ legen Männer ca. doppelt so viele Auto-Kilometer zurück als Frauen und verursachen durch ihre Mobilität auch insgesamt rund ¾ mehr klimaschädliche Gase als Frauen. Vor allem junge Frauen im städtischen Umfeld legen 87% aller Wege öffentlich, zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück. (Zahlen für Wien, [5]). Die nächste, klischeehafte Erkenntnis: die Ernährung von Männern (Fleischlastiger als die von Frauen) ist um rund 14 – 21% CO2 intensiver. [6, S. 8]

[7, S. 15]

Aber nicht nur diese „naheliegenden“ Kategorien zeigen eine deutliche Diskrepanz zwischen den Geschlechtern auf, nein, auch bei „traditionell weiblichen“ Konsumgütern (in dem Fall „Clothing and footwear“ und „household services“) ist der Energieverbrauch bei Männern nur geringfügig geringer. [7, S. 15]

Heruntergebrochen heißt das am Beispiel Frankreich: eine typische französische Frau stößt pro Tag 32,3 kg CO2 aus – ein typischen französischer Mann dagegen 39,3 Kg. Eine Menge, deren Differenz sich über’s Jahr hinweg läppert. [8]

Die leidtragenden der Klimakrise

Frauen tragen also weniger zur Erderwärmung bei, sind aber am Ende stärker davon beeinflusst.

„Across societies the impacts of climate change affect women and men differently. Women are often responsible for gathering and producing food, collecting water and sourcing fuel for heating and cooking. With climate change, these tasks are becoming more difficult. Extreme weather events such as droughts and floods have a greater impact on the poor and most vulnerable – 70% of the world’s poor are women.” [9]

Dieses höhere Sterberisiko kann extrem sein: Bis zu viermal mehr Frauen als Männer starben beim Tsunami 2004 in Indonesien. Zum einen, weil mehr Frauen zu Hause waren, während sich die Männer beim Fischen außerhalb des Wirkungsbereiches des Tsunamis befanden, aber auch, weil deutlich weniger Frauen als Männer Schwimmen und Klettern konnten und können. [10]

Und die Lösung?

Gibt es Lösungsansätze?

Natürlich! Eine stärkere Partizipation von Frauen, eine gerechtere Verteilung von Macht, mehr Bildung… die Liste ist lang! Viele Studien zeigen, dass Frauen, vor allem in den am stärksten betroffenen Gebieten, sehr wirkungsvoll eingreifen und so langfristige Lösungen finden.

Aber das wäre doch zu einfach, nicht wahr?

2018 kam nach einer mit 2000 Probanden durchgeführten Studie folgende Handlungsempfehlung:

„Zum einen könnten „grüne“ Marketingbotschaften und Produkte so entworfen werden, dass sie Männer in ihrer Maskulinität bestärken und ihnen so die Angst nehmen, als feminin eingestuft zu werden, wenn sie der Umwelt etwas Gutes tun. In unseren Experimenten zeigten sich Probanden, deren Männlichkeit zuvor betont worden war, zum Beispiel eher daran interessiert, ein naturschonendes Reinigungsmittel zu erwerben.
Zweitens könnten die Hersteller von umweltfreundlichen Produkten – aber auch Naturschutzorganisationen – stärker auf „männlichere“ Farben, Wörter und Bilder zurückgreifen. In unserer Untersuchung waren Männer eher bereit, für eine gemeinnützige Organisation zu spenden, wenn diese ein maskulines Logo besaß, auf dem vor schwarzem und dunkelblauem Hintergrund ein heulender Wolf und der Name „Wilderness Rangers“ prangten.“ [11]

Am Ende sind es also erstrangig Rollenklischees, die den Umweltschutz-Willen männlicher Konsumenten bedrängen. Und natürlich, das ließe sich vielleicht mit einem Rebranding lösen lassen.

Aber wollen wir als Gesellschaft – im Jahr 2019 – wirklich, dass das wahrgenommene Geschlecht darüber entscheidet, ob wir unseren Planeten retten wollen?!

Falls ihr noch mehr zu diesem spannenden Thema lesen wollt: https://www.boell.de/de/navigation/feminismus-geschlechterdemokratie-3855.html

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/3100/umfrage/internetnutzung-in-deutschland-nach-geschlecht-seit-2001/
[2] https://www.omnicoreagency.com/instagram-statistics/
[3] https://www.biorama.eu/diskussion-ist-nachhaltigkeit-weiblich/
[4]
https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/publikationen/texte_39_2016_repraesentative_erhebung_von_pro-kopf-verbraeuchen_natuerlicher_ressourcen.pdf
[5] https://www.vcoe.at/news/details/vcoe-frauen-gehen-haeufiger-zu-fuss-als-maenner-fahren-weniger-mit-dem-auto
[6] http://lup.lub.lu.se/luur/download?func=downloadFile&recordOId=8934039&fileOId=8934040
[7] https://www.compromisorse.com/upload/estudios/000/101/foir2800.pdf
[8] http://www.wecf.eu/english/articles/2011/02/gender-climateimpact.php
[9] https://www.iucn.org/resources/issues-briefs/gender-and-climate-change
[10] http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/opferzahlen-tsunami-toetete-bis-zu-viermal-mehr-frauen-als-maenner-a-362711.html
[11] https://www.spektrum.de/news/ist-oeko-zu-unmaennlich/1529761