Die Kartoffel-Krise

Der durchschnittliche Österreicher konsumiert pro Jahr 51,9 kg Kartoffeln. [1] 140 g am Tag also, das ist eine mittelgroße Frucht. Die Kartoffel ist das Lieblingsgemüse jedes 10. Bürgers [2] und dabei steht Österreich im Vergleich eher am unteren Ende der Skala, was den Verbrauch angeht: der EU-Durchschnitt liegt bei 70 kg, die Letten essen mit 126 kg pro Jahr mehr als doppelt so viele Kartoffeln wie die Österreicher. [3]

Die Kartoffel hat übrigens ein Frassloch…

Schaut man sich die Nährwerte der Kartoffeln oder Erdäpfel an, so macht ein hoher Konsum auch durchaus Sinn: sie sind kalorienarm, enthalten hochwertiges Eiweiß, sind Ballaststoffquelle und Vitaminreich. [4] Ein letzter, nicht unwesentlicher Punkt: Sie sind billig und ganzjährig verfügbar.

Preis-schock bei Pommes

Und nun der Schock! „Erdäpfel knapp: Jetzt droht Preisschock bei Pommes“, so titelt oe24.at am 23.04. Und weiter heißt es: „Jetzt droht auch noch ein Teuer-Schock bei Pommes. Die Preise ziehen längst an: Bis zu 30 Euro bekommen die Bauern für 100 kg Erdäpfeln – vor genau einem Jahr waren es noch 20 Euro. Und in den nächsten Wochen werden die allerletzten Erdäpfel aus Österreich über die Ladentische gehen. Dann ist Schluss. Grund: „Durch die Dürre letztes Jahr gab es massive Engpässe“, sagt Landwirtschaftskammer-Expertin Anita Kamptner: „Die Lücke wird mit Erdäpfeln aus Frankreich oder ­Israel gefüllt. Da kann es durch die langen Transportwege teurer werden.“ Österreichs Erdäpfel-Bauern fürchten jetzt um ihre Existenz: Denn auch der heurigen Ernte setzen Schädlinge und Trockenheit zu.“ [5]

Um auf den Umstand der Kartoffelknappheit hinzuweisen, demonstrierten am 25.04 die Kartoffelbauern am Wiener Heldenplatz und verteilten symbolisch die letzten Erdäpfel des Jahres.

70 Prozent ERnteeinbusse

Worum aber geht es eigentlich? Die extreme Trockenheit im Jahr 2018, welche sich auch dieses Jahr fortsetzt, hat, zusammen mit dem starken Drahtwurm-Befall, bis zu 70% der Ernte für den Handel unverkäuflich gemacht. So weit, so schlecht. Da Regentänze in den seltensten Fällen Erfolg versprechen, war das Ziel der Demo als weniger, für ausdauernden Niederschlag zu sorgen, als die Notzulassung von Insektiziden.

Probleme – und Lösungen?

Der Drahtwurm ist einer der größten Schädlinge im Kartoffelanbau und wie der Name schon sagt zäh und widerstandsfähig. Bei ungünstigen Lebensbedingungen ziehen sich die Würmer in tiefere Bodenschichten zurück, wo sie gerne auch über mehrere Monate ohne Nahrung bleiben können. Aus den Drahtwürmern schlüpfen nach 3 bis 5 Jahren die Saatschnellkäfer, doch sind es die Larven, welche in der Zwischenzeit den Schaden an der Kartoffel anrichten. Meist folgt ein weiteres Problem auf dem Fuße: die Fraßlöcher bieten Pilzen und Keimen einen Angriffspunkt.  Lösungen gibt es – abgesehen von Insektiziden – durchaus: So meiden die Drahtwürmer humusreiche Böden, durch intensive Bodenbearbeitung im Frühjahr und Herbst kann das Gelege gestört werden und die Beachtung der Fruchtfolge trägt ebenfalls zu einer Reduktion des Käferbefalls bei. Daneben sollen auch Ringelblume und Tagetes als Beisaat eine positive Wirkung zeigen. [6]

… und die gehörte zu den 50% der weggeworfenen Kartoffeln, bevor wir sie aus dem Müll gezogen haben.

Was all diese Lösungsansätze gemeinsam haben: sie sind zeitaufwändig. Zeit ist das Letzte, was die moderne Landwirtschaft sich nimmt und so ist die beliebteste Lösung außerhalb des Biolandbaus der Einsatz von Insektiziden. Dieser wurde in den vergangenen Jahren aber aus Umweltschutzgründen eingeschränkt  und auch der Handel bevorzugt Ware, welche ohne den Einsatz von Insektiziden hergestellt wurde. Dennoch fordern die Kartoffelbauern nun eine Notzulassung.

Damit wären sie nicht die Einzigen: Erst kürzlich wurde den Rübenbauern gewährt, die erst 2018 verbotenen, bienenschädlichen Neonicotinoide zur Saatgutbeize einzusetzen. Es ist eine Notfallzulassung, um das Saatgut vor diversen Schädlingen zu schützen. Dass das in den Boden ausgebrachte Gift auch eine Gefahr für die lebenswichtige Bodenfauna darstellt, tritt hinter den wirtschaftlichen Interessen zurück. [7] Dass es genug Studien gibt, welche zeigen, dass eine Bekämpfung des Drahtwurms mittels Insektiziden bei der Kartoffel nur wenig Erfolg bringt, scheint ebenfalls unwichtig. [8]

Rechnerischer Überschuss

Fakt ist: mengenmäßig war die Ernte im Jahr 2018 um 7% höher als die im Jahr zuvor (rund 698.000 Tonnen). Man könnte meinen, bei einem pro Kopf-Verbrauch von 52 kg pro Jahr und pro Kopf in Österreich  sollte das dennoch reichen, locker sogar (ganz Ö isst pro Jahr 456.196 Tonnen Kartoffeln, da sollte also ein Überschuss von rund 241.804 Tonnen bleiben).  Leider ist dieser Überschuss ein rein rechnerischer.

Denn wie eine Studie der ETH Zürich zeigt: „Vom Feld bis zu den Haushalten gehen bei konventionell erzeugten Speisekartoffeln 53 Prozent verloren, bei biologisch produzierten gar 55 Prozent.“ Diese Studie, welche in der Schweiz durchgeführt wurde und daher wohl nahezu eins zu eins auf den österreichischen Markt umgelegt werden kann, analysierte, welche Anteile Kartoffelernte wo verloren gehen.  

„Verluste entstehen auf allen Stufen der Wertschöpfungskette: Bis zu einem Viertel der Ernte von Speisekartoffeln bleibt bereits bei Produzenten auf der Strecke. Weitere 12 bis 24 Prozent sortieren Grosshändler aus. Lediglich ein bis drei Prozent fallen bei Detailhändlern unter den Tisch und noch immer 15 Prozent in Haushalten.“

https://www.medmix.at/die-haelfte-der-kartoffelernte-geht-verloren/

Fakt ist aber auch, dass bis zu 70% der Kartoffelernte 2018 für den Handel unverkäuflich sind. Rund 30 % des Verlustes lassen sich dabei auf den Drahtwurm zurückführen, der Rest ist „unansehnlich“.

Wie definieren wir „unverkäuflich“?

Denn theoretisch sind Erdäpfel auch noch essbar, wenn sie von Drahtwürmern angefressen wurden. In vielen Fällen verkapseln sich die Gänge und können durch Herausschneiden einfach entfernt werden, nur bei einem auf den Verbiss folgenden Befall durch Pilze und Bakterien sollte vom Verzehr abgesehen werden. Doch selbst, wenn man sämtliche vom Drahtwurm befallenen Erdäpfel herausrechnet, so ist der Rest der „unverkäuflichen“ Kartoffeln nur „unansehnlich“. Nicht schlecht, nicht verdorben, sondern zu klein, zusammengewachsen, nicht ganz oval, wie auch immer. [9, 10]

Schrumplig, voller Triebe und Frasslöcher – und wir werden sie dennoch essen. Du auch?

So undurchdacht der Ruf nach einer Notzulassung von Spritzmitteln auch klingt, so nachvollziehbar ist er dann doch: die Bauern haben schlicht und ergreifend Angst um ihren Wohlstand, was man ihnen kaum zum Vorwurf machen kann. Dennoch kann der Mehreinsatz von Insektiziden keine Lösung sein! Wir befinden uns im 6. Massenaussterben der Geschichte unseres Planeten und ursächlich dafür ist unbestreitbar der Einsatz von Giften.

Gifteinsatz oder umdenken?

Vielmehr muss ein Umdenken stattfinden: Nehmen wir Preissteigerungen von bis zu 30% eher hin als unförmige Kartoffeln, welche gar ein Frassloch haben? Nehmen wir im Austausch für makellose Ware hin, das bereits verbotene Insektizide wieder notzugelassen werden? Kann man überhaupt von einer Krise sprechen, wenn Jahr für Jahr die Hälfte der Ernte aus optischen Gründen vernichtet wird?

Offensichtlich. Aber wir können diese teils fingierte Krise aber auch nutzen und uns positionieren: Kaufen wir die angeblich unverkäuflichen, unansehnlichen Erdäpfel und setzen ein Zeichen gegen das „perfekte Produkt“! Definieren wir unverkäuflich um!

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/37703/umfrage/pro-kopf-verbrauch-von-kartoffeln-in-den-laendern-der-eu/
[2] https://derstandard.at/2000061646859/Der-Oesterreicher-liebstes-Obst-und-Gemuese
[3] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/37703/umfrage/pro-kopf-verbrauch-von-kartoffeln-in-den-laendern-der-eu/
[4] https://eatsmarter.de/ernaehrung/wie-gesund-ist/kartoffel-kalorien-und-naehrwerte
[5] https://www.oe24.at/businesslive/oesterreich/Erdaepfel-knapp-Jetzt-droht-Preisschock-bei-Pommes/377332803
[6] https://www.plantura.garden/gartentipps/pflanzenschutz/drahtwurm-erkennen-vorbeugen-bekaempfen
[7] https://www.nachrichten.at/oberoesterreich/neonics-fuer-zuckerrueben-sorgen-bei-den-imkern;art4,3117344
[8] https://www.lfl.bayern.de/ips/blattfruechte/024000/index.php
[9] https://www.tt.com/panorama/natur/14991861/duerre-und-schaedlinge-70-der-kartoffelernte-unverkaeuflich
[10] https://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/5548902/Der-Grossteil-der-Kartoffelernte-ist-unbrauchbar