Risiko, Resilienz und Gefahr

Den IPCC Sonderbericht „1,5 °C GLOBALE ERWÄRMUNG“ verstehen, Teil 1: Von Gefahr und Gefährdung.

Habt ihr schon einmal einen Blick in einen der IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) Berichte geworfen? Ehrlich gesagt: ich hatte zwar immer mal wieder ein bisschen durchgescrollt, aber wirklich systematisch durchgearbeitet habe ich keines der Paper. Bis vor kurzem. Da fiel mir der Sonderbericht „1,5°C Globale Erwärmung“ in die Hände, bzw. dessen Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger.

Zusammenfassung klang nach kurz und schnell die wichtigsten Fakten. Und genau das ist es auch. Trotzdem- für den Laien, der nicht (wie politische Entscheidungsträger) eine ganze Horde Berater hinter sich sitzen hat – ist auch dieser Bericht nicht ganz ohne…

Damit ihr Euch die Arbeit der Recherche nicht auch noch machen müsst, kommt hier in der nächsten Zeit ein kleine Reihe zu Themen, die im Sonderbericht besprochen werden.

Ein Begriff, der sich durch alle Diskussionen zum Thema Klimawandel zieht, ist der des Risikos. Und so ist es auch nicht verwunderlich, das sich bereits der dritte Punkt des Berichtes diesem Thema widmet. So heißt es da:

Die klimabedingten Risiken für natürliche und menschliche Systeme sind bei einer globalen Erwärmung um 1,5°C höher als heute, aber geringer als bei 2 °C […]. Diese Risiken hängen von Ausmaß und Geschwindigkeit der Erwärmung, geografischer Lage, Entwicklungsstand und Vulnerabilität sowie der Wahl und Umsetzung von Anpassungs- und Minderungsmöglichkeiten ab […].

IPCC, Sonderbericht 1,5 °C GLOBALE ERWÄRMUNG. Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger. A.3

Sehr oft wird der Begriff „Risiko“ uneinheitlich genutzt, daneben auch vermischt mit „Gefahr“, „Verletztlichkeit“ und/ oder „Vulnerabilität“. Alle diese Begriffe sind wichtig, wenn es um eine Einschätzung von Naturgefahren (und auch Gefahren für die Natur) geht, aber so ganz gleichbedeutend sind sie halt doch nicht…

Versuch einer Definition

Gefahr und Risiko

Gefahr: Möglichkeit, dass jemandem etwas zustößt, dass ein Schaden eintritt; drohendes Unheil

Duden

Selbst im allwissenden Duden wird „Risiko“ als Synonym zur Gefahr verwendet. Auch anderswo wird Gefahr mit dem Begriff des Risikos definiert.

Gefahr ist ein Zustand oder Ereignis, bei dem ein nicht akzeptables Risiko vorliegt und somit die Wahrscheinlichkeit eines Schadenseintritts besteht. D. h., das Risiko einen Arbeitsunfall zu erleiden ist größer als das in den Arbeitsschutzvorschriften bestimmte Grenzrisiko.“

Quell: BFGA

Anhand eines Beispieles lassen sich Gefahr und Risiko aber ganz einfach abgrenzen.

Zwei Häuser stehen im Überflutungsbereich eines Flusses. Das eine ist ein Hotelkomplex, in dem sich gerade 200 Menschen aufhalten, das andere ist eine alte, baufällige Hütte mit 2 Bewohnern. Das Wasser steigt, eine Überflutung droht. Nun ist die Gefahr, dass das Hochwasser die jeweilige Behausung trifft, bei beiden Gebäuden die Gleiche. Nicht aber das Risiko: obwohl sich im Hotel mehr Menschen befinden und der finanzielle Schaden am Hotel höher ist, so ist das Risiko für die baufällige Hütte, welche keine fest gefügten Mauern hat, deutlich höher. Die Menschen in der Hütte sind also einem höheren Risiko ausgesetzt geschädigt zu werden als die Menschen im Hotel.

Interessant ist auch, wann man von Risiko spricht. Denn grundsätzlich „ist“ ein Hochwasser einfach – genauso wie jede Lawine, jeder Hitzesommer, etc. Erst der Mensch bewertet diese Ereignisse oder Naturgefahren als Gefahr und misst ihnen ein Risiko zu. Dieses Risiko entsteht dadurch, dass das von der Gefahr betroffene Gebiet vom Menschen genutzt wird. Ein Beispiel: Die Gefahr eines Hochwassers wird also erst dann zum Risiko, wenn natürliche Überflutungsflächen bebaut und vom Menschen genutzt werden.

„Ansonsten bleibt eine Naturgefahr eine latente Bedrohung und somit ein externer Faktor, während das Risiko auch einen potenziellen Schaden benötigt. Das Risiko ist also die Konkretisierung einer Gefahr in Abhängigkeit von ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit und den potenziellen Auswirkungen. Risiko kann beschrieben werden durch die genaue, quantitative Messung der Realisation der Gefahr und deren negativen Auswirkungen. Der Grad der negativen Auswirkung ist von der Empfindlichkeit des geschädigten Objektes gegenüber dieser Gefahr und von der Intensität des schadensverursachenden Prozesses abhängig.“

Quelle: Waldwissen.net

So weit, so gut. Die Gefahr ist also einfach da, das Risiko entsteht durch den Menschen, der sich der Gefahr aussetzt – und sich so verletzlich macht. Und damit wären wir beim dritten Begriff: der Vulnerabilität.

Vulnerabiliät

„Das Maß, zu dem ein System gegenüber nachteiligen Auswirkungen der Klimaänderung, einschließlich Klimavariabilität und Extremwerte, anfällig ist und nicht damit umgehen kann.“

Quelle: Umweltbundesamt

Dazu muss man sagen: der Begriff der Vulnerabilität kommt aus der Geographie und wird daher in einem viel weiteren Kontext als nur dem Klimawandel genutzt – hier aber dennoch die spezifische Klima-Definition.

Wie also ist die Vulnerabilität zu verstehen? Bleiben wir beim Hotel-Hütten-Beispiel. Wo denkt ihr, ist die Vulnerabilität höher? Hütte oder Hotel? Und jetzt wird es schwierig und kommt stark auf den Blickwinkel an.

Sieht man vor allem die gefährdeten Menschenleben, so ist sicherlich die Hütte verletzlicher. Ökonomisch gesehen aber hat der Hotelbesitzer mehr zu verlieren, also ist seine Vulnerabilität höher. Stark verknappt und etwas flapsig: wer nichts hat, hat außer seinem Leben auch nichts zu verlieren.

Hier greift dann noch der letzte wichtige Begriff auf: die Resilienz:

Resilienz

„In Zusammenhang mit dem Klimawandel wird der Begriff im Wesentlichen als Robustheit oder Widerstandskraft verstanden, die es ermöglicht, trotz äußerer Einflüsse zentrale Funktionen des Systems aufrechtzuerhalten.

Generell kann Resilienz als eine Art Puffer angesehen werden, der es Individuen oder Systemen ermöglicht, ein Ereignis bewältigen zu können, ohne alle Ressourcen verbrauchen zu müssen bzw. ausreichende Optionen zu besitzen, um nach dem Ereignis den Ausgangszustand wiederherzustellen.“

Quelle: Climate Service Center

Unser Hotelbesitzer ist wahrscheinlich gut versichert, er wird finanzielle Hilfe erfahren und kann damit eventuelle Schäden gut abfangen – seine Resilienz ist hoch. Anders die Bewohner der Hütte: ihre Resilienz, ohne Versicherung und ohne finanzielle Reserve, ist niedrig. Sie werden also wahrscheinlich ihren „(Wohn)Zustand“ ändern müssen.

Wichtig ist auch, dass nicht jeder Mensch, auch unabhängig von seinen Finanzen, gleich resilient ist. Kinder und alte Menschen sind stärker gefährdet. Frauen sind stärker gefährdet als Männer. Menschen im globalen Süden sind stärker gefährdet als Menschen im globalen Norden. Arme sind stärker gefährdet als Reiche. Menschen religiöser und politischer Minderheiten sind stärker gefährdet.

Die Gefahr, die Klimakrise, ist für die ganze Welt die gleiche. Das Risiko und auch die Vulnerabilität gegenüber der Klimakrise ist –ökonomisch – im globalen Norden höher, das Risiko für Leib und Leben ist im globalen Süden höher. Die Resilienz ist im globalen Norden deutlich höher: hier konzentriert sich das Kapital und damit die Möglichkeit, sich anzupassen. Oder, wie es der IPCC zusammenfasst:

„Die Exposition gegenüber vielfachen und zusammen wirkenden klimabezogenen Risiken nimmt von 1,5 °C auf 2 °C globale Erwärmung zu, wobei in Afrika und Asien größere Bevölkerungsanteile entsprechend exponiert und armutsgefährdet sind (hohes Vertrauen). Bei einer globalen Erwärmung von 1,5 °C bis 2 °C könnten sich die Risiken in den Sektoren Energie, Ernährung und Wasser räumlich und zeitlich überschneiden, wodurch bereits bestehende Gefährdungen, Expositionen und Verwundbarkeiten verschärft und neue entstehen würden, die eine zunehmende Zahl an Menschen und Regionen betreffen könnten.“

IPCC, Sonderbericht 1,5 °C GLOBALE ERWÄRMUNG. Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger. B5.6

http://www.staedtestatistik.de/fileadmin/vdst/Muenchen2010/Vortraege/M0612_VDSt_Vollmer_.pdf

Anthropozän – Zeitalter der Hühner

Archaikum, Paläozoikum, Silur – den geologischen Äonen und Epochen haftet eine gewisse Faszination an, wenn man ihre Namen hört. Zeitalter der Dinos, „Snowball Earth“,  Vulkanlandschaften…

Was auch immer die Erde bereits gesehen und erlebt hat, die Menschen haben es nachträglich in einem System geordnet, den Ären und Perioden Merkmale zugeschrieben und die Veränderungen der klimatischen Bedingungen versucht zu erklären.

Quelle: vice.com

Die Abgrenzung der geologischen Zeitalter war oft Anlass für Diskussionen, doch selten war die Einführung einer neuen Grenze so umstritten wie die des Anthropozäns. Denn bisher konnte man entspannt als Beobachter zurückblicken, über Schichten von Vulkanasche und deren chemische Zusammensetzung vortrefflich streiten – doch heute ist man „live dabei“.

Was ist ein geologisches Zeitalter und wer bestimmt darüber?

Die geologische Zeitskala unterteilt die Erdgeschichte in verschiedene Phasen/ Zeitabschnitte, welche ja nach Alter mehr oder weniger fein untergliedert werden können. Während das Präkambrium, das rund 4000 Jahrmillionen umfasst, in gerade mal 15 Systeme (die kleinste Einheit) unterteilt wird, sind es in den vergangenen 541 Millionen Jahren 12 Systeme. Die Festlegung dieser Skalen geschieht durch die ICS, die „International Comission on Stratygraphy“, welche zur International Union of Geological Sciences gehört. [1]

Erdzeitalter – so ungefähr zumindest. Quelle: npr.org

Welche Voraussetzung muss eine geologische Zeit erfüllen?

Im besten Fall existiert ein weltweiter Zeiger, welcher sich in Sedimentschichten nachweisen lässt. Diese Zeiger können sowohl biostratographisch (Fossilienvorkommen), klimatisch (Klimaumschwünge) oder auch magnetostratisch (Magnetismus in den Gesteinen) sein. Die meisten der bekannten Abgrenzungen beruhen dabei auf dem Auftreten von Fossilien, die Untergrenze des Auftretens ist damit die Grenze der geologischen Zeit. Hilfreich ist es auch, wenn mehrere Zeiger oder Marker zusammenfallen und so eine eindeutige Abgrenzung erleichtern. Wird ein Ort gefunden, an dem diese Schicht deutlich sichtbar ist, wird dort der sogenannte „Goldene Nagel“ oder „Golden Spike“ eingeschlagen. In Österreich ist am Kuhjoch, Karwendel, Tirol ein solcher GSSP (Global Stratotype Section and Point) zu finden, der das Hettangium vor 201,3 Millionen Jahren begrenzt. Dort ist das erste Auftreten einer Ammoniten- und einer Foraminiferenart zu erkennen.  [2, 3,4]

Der „Goldene Nagel“ am Kuhjoch in Tirol. Quelle: diepresse.com

Woher weiß man überhaupt, wie alt die Schichten sind?

Es gibt einige Methoden zur Altersbestimmung von Gesteinen, auch wenn deren Genauigkeit oft mit zunehmendem Alter der Schichten abnimmt. Besonders häufig werden hierbei Methoden genutzt, welche das Verhältnis verschiedener Isotope zueinander vergleichen. Wurde das Alter durch die Radiokarbonmethoden bestimmt, so ist das Jahr 0 immer auf das Jahr 1950 (before present) zu beziehen. In diesem Jahr wurde das natürliche Verhältnis der Kohlenstoffisotope in der Atmosphäre durch Atomwaffentests verändert. [5]

Wie grenzt man das Anthropozän ab?

Die Diskussion um das Anthropozän begann in größerem Rahmen in Jahr 2000, als Paul Crutzen den Begriff in einem Paper nutzte. Seine Begründung für die Ausrufung einer neuen geologischen Zeit: der Mensch sei ein geologischer Faktor geworden. Der Einfluss des Menschen war also signifikant genug, um das Holozän, die stabilste Klimaphase der letzten 400.000 Jahre, zu beenden. 2008 schaffte es der Vorschlag vor die „Geological Society of London“, welche dieser These durchaus zustimmte.  Und 2019 wurde beschlossen, eine neue Epoche auszurufen. 2021 soll es soweit sein und ein Ort für den „Goldenen Nagel“ gefunden werden.

Nur: wann beginnt ein Zeitalter des Menschen?

Zwei Zeitpunkte kommen als Referenz in Frage: 1800 und 1950. 1800, das ist das Jahr, in dem die Industrialisierung beginnt, das Jahr, seitdem der Methan- und der CO2-Gehalt der Atmosphäre steigt, das Jahr, ab dem man einen grundsätzlichen Temperaturanstieg erkennen kann.  [5]

Das Anthropozän in Comicform. Quelle: univie.ac.at

1950 dagegen ist das Jahr, ab dem man von der „Great Acceleration“ spricht, der rapiden Beschleunigung sehr vieler Prozesse, die durch den Menschen in Gang gesetzt wurden.

Diese Prozesse können sowohl sozioökonomische als auch Erdsystem-Trends sein: so nahm seit 1950 die Weltbevölkerung explosionsartig zu, ebenso die städtische Bevölkerung, das BIP, der Düngereinsatz, die Nutzung von Primärenergie… Zugleich steigen seitdem Methan, Lachgas, CO2 in der Atmosphäre, der Flächenverbrauch steigt ebenso, das Artensterben nimmt drastisch zu. All diese Faktoren beruhen dabei auf menschlichem Handeln. [6] Heute sind gerade einmal 13% der Ozeane noch unberührt. [7] Nicht zuletzt wurden in dieser Zeit die ersten Atomwaffentests durchgeführt, welche durch Radionukleide ebenfalls Spuren hinterließen.

Einzelne Gruppierungen fordern auch einen Beginn des Anthropozäns vor etwa 3000 bp (before present), als der Mensch erstmals deutlich als Umweltfaktor aktiv wird.

Das Anthropozän in Comicform. Quelle: univie.ac.at

Am Ende entschied man sich für den 16.Juli.1945, den Tag, an dem die erste Atombombe gezündet wurde.

Und was ist jetzt mit den Hühnern?

Oft sind Fossilien die Marker, die das Ende einer geologischen Zeit abgrenzen. Abgesehen von den vielen, vielen Fakten, die zur Definition des Anthropozäns herangezogen werden können, gibt es eine Ablagerung, die die Menschheit als Fossilien in großen Mengen hinterlassen wird: Hühnerknochen. Wir erinnern uns: biostratigraphische Ablagerungen in Form von Fossilien müssen weltweit eindeutig sein  – diese Voraussetzung erfüllen die Knochen von Masthähnchen.

Von Dinos und … Hühnern. Quelle: dailymail.co.uk

Auch der Anstieg der Biomasse der Nutztiere, allen voran der Hühner, fällt in die Zeit der „Great Acceleration“. Ende 2018 schätze man die Gesamtpopulation auf 22,8 Milliarden Tiere. Kein anderes Lebewesen vegetiert in solcher Menge auf diesem Planeten  – und wird so oft geschlachtet: rund 60 Milliarden sind es jährlich. Dabei fällt eine unfassbare Menge an Fleisch – und Knochen – an. Diese Knochen werden meist im Restmüll entsorgt und landen so auf den Müllkippen weltweit, wo sie, zusammen mit Dosen, Plastikflaschen und Alufolie ein beeindruckendes und beklemmendes Abbild unserer Zeit, des Zeitalters der Menschen, bilden.

PS: Sehr zu empfehlen, wenn auch etwas länger, ist die Quelle 5!

[1] https://science.apa.at/dossier/Das_Anthropozaen_-_ein_geologisches_Zeitalter/SCI_20180528_SCI79015083442464176
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Anthropoz%C3%A4n
[3] https://www.geolsoc.org.uk/Education-and-Careers/Ask-a-Geologist/Nomenclature/How-are-Geological-Periods-Determined
[4] https://www.geologie.ac.at/fileadmin/user_upload/dokumente/pdf/pressespiegel/20160516_falter_heureka_letzte_zeitalter_menschheit.pdf
[5] https://www.geog.uni-heidelberg.de/md/chemgeo/geog/human/gebhardt_anthropozan.pdf
[6] http://www.bpb.de/gesellschaft/umwelt/anthropozaen/256738/animationen-erdsystemtrends
[7] https://www.energieleben.at/nur-noch-13-prozent-der-ozeane-sind-unberuehrt/
[8] https://royalsocietypublishing.org/lookup/doi/10.1098/rsos.180325

Chicken Leg by Creative Mahira from the Noun Project

Gender und Umweltschutz

Am Freitag war Weltfrauen-Tag. Die Wogen gingen hoch. Auf der einen Seite gibt’s da die ewig gestrigen, die im Frauenwahlrecht den Grund für alles Böse auf der Welt orten, auf der anderen Seite stehen viele junge und ältere Frauen auf, um sich über das Erreichte zu freuen und weiter für eine gleichberechtigte Zukunft zu kämpfen.

Es fällt auf (zumindest in meiner Blase): Unter den Umweltschützern ist der Anteil an bekennenden FeministInnen hoch, sehr hoch sogar. Und mehr noch: die größten und bekanntesten Greenfluencer sind durch die Bank Frauen, wo doch das Internet sonst in weiten Teilen von Männern geprägt wird. 88% aller Männer nutzen in Deutschland das Internet, 80% der Frauen. [1]

Andererseits: 68% der Instagram-Nutzer, wo ein Großteil der Greenfluencer (neben dem Blog) aktiv wird, sind weiblich. [2] Auch meine persönliche Wahrnehmung ist eine ähnliche: Grüne Accounts werden sehr, sehr oft von Frauen betrieben.

Ist Umweltschutz weiblich?

Ruth Meinzen-Dick, Chiara Kovarik und Agnes Quisumbing vom  “International Food Policy Research Institute” in Washington D.C. haben diese Frage schon 2014 beantwortet:  

»Auf die Frage, ob Gender für Nachhaltigkeit von Belang ist, gibt es eine einfache Antwort: Ja, das ist es. Das bedeutet jedoch nicht, dass Frauen von Natur aus ressourcenschonender sind«, stellten die Wissenschaftlerinnen damals fest. Die These, dass Frauen einen mehr oder weniger angeborenen Nachhaltigkeitsbezug hätten, der durch tradierte Rollenzuschreibungen gepflegt würde, ist eine verbreitete Sicht auf Weiblichkeit und den schonenden Umgang mit Ressourcen. [3]

Im ersten Moment klingt das etwas widersprüchlich, doch eigentlich ist die Sache klar: Erstrangig wichtig für das eigene Leben, den eigenen Treibhausgasaustoß und den eigenen Ressourcenverbrauch ist nicht zwangsweise das Geschlecht, sondern vielmehr die soziale Schichtzugehörigkeit. Je besser jemand verdient, desto mehr konsumiert sie oder er und desto umweltschädlicher wird, so zeigen alle Statistiken zu dem Thema, das Leben. Da Frauen tendenziell stärker von Armut betroffen und gefährdet sind, außerdem seltener Vollzeit arbeiten und insgesamt weniger verdienen, haben sie ein durchschnittlich geringeres Einkommen, das sie für Konsum aufwenden können.

Ein wirklich spannendes Paper zu dem Thema findet Ihr beim deutschen Umweltbundesamt. [4]

Umweltschutz ist weiblich!

Dennoch: Umweltschutz ist weiblich! Die Umweltkrisen werden es nämlich auch sein.

Es fängt beim Energieverbrauch an: Laut VCÖ legen Männer ca. doppelt so viele Auto-Kilometer zurück als Frauen und verursachen durch ihre Mobilität auch insgesamt rund ¾ mehr klimaschädliche Gase als Frauen. Vor allem junge Frauen im städtischen Umfeld legen 87% aller Wege öffentlich, zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück. (Zahlen für Wien, [5]). Die nächste, klischeehafte Erkenntnis: die Ernährung von Männern (Fleischlastiger als die von Frauen) ist um rund 14 – 21% CO2 intensiver. [6, S. 8]

[7, S. 15]

Aber nicht nur diese „naheliegenden“ Kategorien zeigen eine deutliche Diskrepanz zwischen den Geschlechtern auf, nein, auch bei „traditionell weiblichen“ Konsumgütern (in dem Fall „Clothing and footwear“ und „household services“) ist der Energieverbrauch bei Männern nur geringfügig geringer. [7, S. 15]

Heruntergebrochen heißt das am Beispiel Frankreich: eine typische französische Frau stößt pro Tag 32,3 kg CO2 aus – ein typischen französischer Mann dagegen 39,3 Kg. Eine Menge, deren Differenz sich über’s Jahr hinweg läppert. [8]

Die leidtragenden der Klimakrise

Frauen tragen also weniger zur Erderwärmung bei, sind aber am Ende stärker davon beeinflusst.

„Across societies the impacts of climate change affect women and men differently. Women are often responsible for gathering and producing food, collecting water and sourcing fuel for heating and cooking. With climate change, these tasks are becoming more difficult. Extreme weather events such as droughts and floods have a greater impact on the poor and most vulnerable – 70% of the world’s poor are women.” [9]

Dieses höhere Sterberisiko kann extrem sein: Bis zu viermal mehr Frauen als Männer starben beim Tsunami 2004 in Indonesien. Zum einen, weil mehr Frauen zu Hause waren, während sich die Männer beim Fischen außerhalb des Wirkungsbereiches des Tsunamis befanden, aber auch, weil deutlich weniger Frauen als Männer Schwimmen und Klettern konnten und können. [10]

Und die Lösung?

Gibt es Lösungsansätze?

Natürlich! Eine stärkere Partizipation von Frauen, eine gerechtere Verteilung von Macht, mehr Bildung… die Liste ist lang! Viele Studien zeigen, dass Frauen, vor allem in den am stärksten betroffenen Gebieten, sehr wirkungsvoll eingreifen und so langfristige Lösungen finden.

Aber das wäre doch zu einfach, nicht wahr?

2018 kam nach einer mit 2000 Probanden durchgeführten Studie folgende Handlungsempfehlung:

„Zum einen könnten „grüne“ Marketingbotschaften und Produkte so entworfen werden, dass sie Männer in ihrer Maskulinität bestärken und ihnen so die Angst nehmen, als feminin eingestuft zu werden, wenn sie der Umwelt etwas Gutes tun. In unseren Experimenten zeigten sich Probanden, deren Männlichkeit zuvor betont worden war, zum Beispiel eher daran interessiert, ein naturschonendes Reinigungsmittel zu erwerben.
Zweitens könnten die Hersteller von umweltfreundlichen Produkten – aber auch Naturschutzorganisationen – stärker auf „männlichere“ Farben, Wörter und Bilder zurückgreifen. In unserer Untersuchung waren Männer eher bereit, für eine gemeinnützige Organisation zu spenden, wenn diese ein maskulines Logo besaß, auf dem vor schwarzem und dunkelblauem Hintergrund ein heulender Wolf und der Name „Wilderness Rangers“ prangten.“ [11]

Am Ende sind es also erstrangig Rollenklischees, die den Umweltschutz-Willen männlicher Konsumenten bedrängen. Und natürlich, das ließe sich vielleicht mit einem Rebranding lösen lassen.

Aber wollen wir als Gesellschaft – im Jahr 2019 – wirklich, dass das wahrgenommene Geschlecht darüber entscheidet, ob wir unseren Planeten retten wollen?!

Falls ihr noch mehr zu diesem spannenden Thema lesen wollt: https://www.boell.de/de/navigation/feminismus-geschlechterdemokratie-3855.html

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/3100/umfrage/internetnutzung-in-deutschland-nach-geschlecht-seit-2001/
[2] https://www.omnicoreagency.com/instagram-statistics/
[3] https://www.biorama.eu/diskussion-ist-nachhaltigkeit-weiblich/
[4]
https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/publikationen/texte_39_2016_repraesentative_erhebung_von_pro-kopf-verbraeuchen_natuerlicher_ressourcen.pdf
[5] https://www.vcoe.at/news/details/vcoe-frauen-gehen-haeufiger-zu-fuss-als-maenner-fahren-weniger-mit-dem-auto
[6] http://lup.lub.lu.se/luur/download?func=downloadFile&recordOId=8934039&fileOId=8934040
[7] https://www.compromisorse.com/upload/estudios/000/101/foir2800.pdf
[8] http://www.wecf.eu/english/articles/2011/02/gender-climateimpact.php
[9] https://www.iucn.org/resources/issues-briefs/gender-and-climate-change
[10] http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/opferzahlen-tsunami-toetete-bis-zu-viermal-mehr-frauen-als-maenner-a-362711.html
[11] https://www.spektrum.de/news/ist-oeko-zu-unmaennlich/1529761